Das rätselhafte Kästchen ohne Schloss

Am vorletzten Tag der Hand hatte Amira wieder dieses Gefühl von Enge in der Brust. Die Stadtmauern kamen ihr noch höher und noch mächtiger vor und sie war übermüdet, hatte in den kurz gewordenen Nächten an Schriften für die Akademie gessessen und bei einem tauglichen Handwerker Konstruktionen geordert, die das reine Kastenwissen in der Bibliothek mittels eines Schließmechanismus nur für authorisisierte Personen zugänglich machte. Jetzt saß sie am Brunnen in der Stadt und sah dem Fluss des Wassers zu, dass ich aus den steinernen, weit aufgerissenen Mäulern der Larlköpfe in das Wasserbecken ergoss. Noch war es still in der Stadt. Hätte sie überhaupt richtig geschlafen, läge sie vermutlich jetzt auch noch in den Fellen neben Cato.

Der erste Mensch, der ihr Gesellschaft leistete, war Honey. Amira erkannte sie zunächst nicht, erst als sie vor ihr niedersank und sie grüßte, wurde sie gewahr, dass es sich um die erste an der Stadtkette handelte. Woran es lag, fiel ihr dann auch gleich auf, das Mädchen hatte sich das Haar gefärbt, mit dem Sud einer Wurzel wie sie angab. Eine leichte Wut machte sich in Amira breit, schließlich gehörte das Haaar nicht Honey, sondern der Stadt und Selbstverstümmelung wie das Verfärben des natürlichen Haartons wurde nicht gern gesehen, vor allem konnte man beim Verkauf Betrug vorgeworfen bekommen. Aber Amiras Engegefühl und ihre Müdigkeit ließen sie davon Abstand nehmen nun zu einer Strafaktion zu schreiten. Statt dessen ließ sie sich ein wenig unterhalten und von besagter Lady Ellen erzählen, bei der Honey nämlich Getreide für das Sklavenhaus geordert hatte. Erneut wurde die seltsame Diskrepanz zwischen der Lady und ihrem vermeintlichen Berufsstand deutlich. Sie hatte tatsächlich nicht gewusst, wie man den Honig aus den Bienenstöcken bekommt! Rasch war der Plan gefasst, ihr an diesem Tag noch einen Besuch abzustatten, vorausgesetzt Cato gäbe Amira seine Erlaubnis dazu, Stadt und Hafengebiet zu verlassen.

Die Erlaubnis erhielt sie, allerdings schloss sich Cato dem kleinen Spaziergang an. Ob er Amira nicht traute und befürchtete sie würde wieder mit dem Jagdbogen den Wald unsicher machen oder ob er schlicht Lust darauf hatte ein wenig Zeit mit seiner Gefährtin zu verbringen, das wurde ihr nicht ganz klar, aber letztlich spielte es auch keine Rolle. In Stiefeln und einer einfachen festen Robe folgte sie ihm den unbefestigten Weg entlang, der zum Bauernhof führte. Die Bäume standen in vollem satten Grün, wie die Wiesen. Je näher man dem Bauernhof kam, desto mehr wurde der Laubwald zum Nadelwald der turmischen Wälder, der bis zu den Ausläufern des Deltas führte, denen man mit klarem Verstand besser fernblieb. Die Äste strichen Amiras durchs Gesicht und an manchen Stellen versanken ihre Stiefel im Schlamm, aber sie bildete sich ein hier draußen eine andere Luft zu atmen und die Lebensfreude flutete durch ihren Geist und vertrieb die lähmende Müdigkeit und das Gefühl der Enge. Irgendwo in der Ferne, hörte sie die Mühle am Fluss klappern. Aber noch wenige Schritte, noch einmal den Kopf unter einem Ast hindurchsenken, dann sah sie bereits vor sich die leicht verwitterten Weidezäune des Gehöfts.

Leider traf man die Gesuchte nicht an. Catos hämmerte an die Tür, was jedoch keine Reaktion hervorrief, von ein paar aufflatternden Vulos im Stall und einem blökenden Verrlamm einmal abgesehen. Er wollte sich schon wieder zum Gehen wenden, als Amira der Lämmer gewahr wurde und sich voller Begeisterung in das Gehege begab. Sie hätte ziemlich Vieles angestellt um nicht so früh wieder zurück hinter die Stadtmauern zu müssen und so folgte sie dem ersten Impuls und gab an einmal nach den Lämmern sehen zu wollen. So schob sie sich vorsichtig zwischen Tieren durch zum Trog und bemerkte in ihrer Naturbegeisterung garnicht, dass von hinten ein Hammel das Gehörn senkte. Eigentlich hörte sie nur von hinten einen Warnruf und konnte sich dann nur dank ihrer Wendigkeit noch mit einem Satz über den Zaun retten. In solchen Fällen passiert es einer freien Frau häufig, dass ihre Robe zwischen den Latten hängenbleibt, aber das blieb Amira erspart. Statt dessen rutschte ihr Bein beim Landen in Erdloch und steckte dort fest.Ein gleißender Schmerz durchzuckte Amiras Hirn, als der Knöchel sich trotz festen Schuhwerks mit Wucht verdrehte. Sie schlug vorüber zu Boden und lagt mit Bauch und Gesicht in einer weichen Schicht Waldhumus, garniert mit Tannennadeln.

Der Fuß war erst wieder zu befreien, als Cato und Honey mit vereinten Kräften zu Werke gingen. Einer buddelnd, der andere ziehend. Doch als der Fuß befreit war und der erste Schrecken sich gelegt hatte, wurde Amira etwas Glänzendem gewahr, das sich tief unten in dem vermaledeiten Loch zeigte. Während Honey ihr als Fußstütze diente, buddelte Cato ein mysteriöses metallenes Kästchen aus der Erde, das weder Schließmechanismus noch einen Deckel zu haben schien.

Der Rückweg bis zum Hafen an die Schmiede dauerte länger als der Hinweg, was vor allem darauf zurückzuführen war, dass Amira mit ihrem lädierten Fuß kaum noch auftreten konnte. Honey trug das silbern schimmernde Kästchen und Cato stützte Amira. An der Schmiede hielte sie um Askyr zu suchen und ihn um Hilfe zu bitte bei der Öffnung. Da niemand anzutreffen war, untersuchte Cato das Behältnis auf eigene Faust und fand schließliche eine Delle, zumindest sah die Vertiefung so aus, übte Druck darauf aus und siehe da, das Kästchen sprang an der rechten Seite auf.

Es enthielt eine Schriftrolle und einen goldenen Schlüssel mit einem dreizackigen Bart. „Kein Schatz, nur Papier!“, entfuhr es Honey enttäuscht, aber Amiras Augen nahmen einen Ausdruck fiebriger Erregung an, als sie das Siegel brach und die Schrift entrollte. Amiras Augen huschten über das verblichene und längst fleckig gewordene Dokument.

„Verschlüsselt, ein verschlüsselter Text!“, rief sie aus.

Nachdem Lady Jean sich um ihren verstauchten Knöchel gekümmert hatte, lagerte Amira auf einem Kissenberg im Teehaus. Um sie herum Stapel von Kompendien zur Entschlüsselung von geheimen Botschaften, die Cato ihr aus der Bibliothek gebrachte hatte. Weder der Beruhigungstee noch Lady Jeans Hanfbonbons konnten sie nun davon abhalten das Rätsel der Schriftrolle zu knacken.

Schließlich war Cato bereits neben ihr eingeschlafen, während Honey geduldig neuen Tee kochte und Amiras halblauten Selbstgesprächen folgte, während sie unermüdlich neue Kombinationen ausprobiere. Sie war mit Verschlüsselungstechniken nicht ganz unerfahren und ehrgeizig genug, wenn nötig, die ganze Nacht zu arbeiten.

Beginn und Ende der Schrift waren nicht verschlüsselt. Tausend Jahre hatte das Kästchen in der Erde gelegen, wenn Amira die Regentschaft von Relius IV innerhalb der turmischen Historie richtig zuordnete –  und das Dokument offenbar luftdicht umschlossen gewesen. Weder Feuchtigkeit noch Temperaturunterschiede hatten ihm etwas anhaben können.

3. Tag der vierten Hand im Monat Hesius
im ersten Jahr der Regentschaft seiner Exzellenz, des Administrators Relius IV

Anfang –DQ2jCfpEVVx9bRe3OVJv3SKPurTcG7A/EKCa2p5WxV4sNpizOLKX7t4ALhVO26UhhPRZSIGrVuK/frC5PYAP62fxAsKvgKdSyxedMEKEAbcI8s+2DpIQcUfYSGUk53Sx9Qj4pSyQ9e6v4jFs0LFx/9bomQJWxt4XTzW4erQz8vML2YPOHOTJejX+jPct30RsQFkmwORTLWpiGlezY2pdT2cx/b3fMDaRjf47lCNOpgX6pthbBCqmlUpvtzuVqZ9yHryifUILUYya8WFnnd7L3EoATn9wPQArqi9C6FqsorjVpsAkcG3hVaqMo24to7vAxlBYtXsTO5YK7Np7EY0DwmaIVGMLeJxU19Oi9bkLxGrAxu78bhthdnc6+4zzH8NI7hcy/mWQ2XvekAVuOTv6NkJohKHTXKzk23AXEkm513qLXCimT3i55++IpLms/xZzY1nhvz5ICksT40/Fzaij/l1PBpJgJweRAR8WEteaWRbRrp73ISc1j2N9kNyZgUrTp1yAkGIoabPMUjOKhpB3HZ9oddT2NkLql7ZjcuxWalvtl1VUSIaZ2qz5vfwWdkO+djLz0wKt3hWHc69wgBZR8jB1kpFPWAP/4JyqE9KSdax8SEwK0Zxv4Ecxy8F5dVry1FOu0y+CkphSeJ4o3VjwEq6p/uZjzzZYcPBkQakDORPqVYzSfEtBXlcsyyaqH+wXMqMzGjUategdLhVbIh97ekGhjQV6YU7Ei25SuyNOTfr6FADQfCaD4tSBXIGp3cKOQnfP3hRZ3/GT1Fdik38xJZ46yPtSbL0YWzL2xL7t3stdYZHWQr+fgaJwMWxJsohSFphtsqTGgIz8Aq3jOwuj+zy3oDNLM7aimBVOGx1aCAFMzE+REP7pMMRLtBdvoa5oWWYV8SPWvvuIC4PLj7WBcB0xr75SVI0UgOM7RzabRbZYNnWleHtexOW3ZKe9Mcs2k4ovQBkxUF9s+BfVN1SaOy97FnoB4jb61jCOu9Y8s0EKrFDGIT6UouJGrgdklnxOciiPpI/x7kY4g5PBErzaM8qDGBqlLDfmgq0ZRA4JY7ZTUiGHxkbki9pAWkKXzL+IDzEHOmXQpscd5g485mRTA6YNhjp9zHU4UXyW68O67ZKl6zfTHFtWaQMA2iJPI2jyslLeghdRpuuM8KixY+y1+ecfQdiJ1T7BudI6VYc1dPVP2AvZD9OV3aYUCKPFfUsafbTWbgALif2kji2A+UkHRzCgdZZl5cFXLhezbMLW2YA+cY3Ks3aFaC9neiSq3oH3eYUvLosZDGu2C50HRqi+bZgTzr9tbLBZa7+vPNNinC7V7MZjzxE/7IkHTuBQXsRp279eR+YBK+WmoDBtxx/o+hRtWed/FziVvPFmeM45xTGCNFlubxQPHjiexLjgswY+o5kav95Ez+xHSjSruMp0DI0nNsBkWfZuYxt4ncjUW7w=–ENDE

Möge ihm mehr Segen dabei zuteil werden als mir!

Heil Turmus und Licht über unserem Heimstein!

Mercurius, erster Baumeister und Magistrat zu Turmus


Als fast alle Kerzen schon vollständig heruntergebrannt und selbst die zirpenden Grillen sich bereits zum Schlafen gelegt hatten, stieß Amira einen triumphiernden Schrei aus, der Honey abrupt den Kopft heben ließ. Doch nach den ersten entzifferten Worten wechselte Amiras Gesichtsfarbe von rosig zu kreideweiß.

„Geh und stell dich vor das Teehaus, Honey. Lass niemanden, ich sagte, niemanden herein. Vor allen Dingen nicht Serenus oder sonst einen von den Wissenden!“

Wort für Wort reihte sich zu Sätzen aneinander. Satz für Satz entfaltete sich ein Text, dessen in letzter Verzweiflung notierte Botschaft Amira das Blut in den Adern gefrieren ließ. Schließlich starrte sie das Pergament an und rollte es hastig zusammen, steckte das unverschlüsselte Original zurück in das Kästchen mit dem seltsamen Schließmechanismus und hieß Honey es in Catos Arbeitszimmer zu verstecken.

Morgen, so Amira, morgen sollten alle Stadtsklaven von Turmus auf die Suche gehen nach einer geheimen Tür mit einem goldenen Schloss, das der gefundene Schlüssel zu öffnen vermochte. Ihre Hände zitterten nicht nur wegen der kalten Nachtluft, nachdem sie Cato geweckt hatte und sie sich auf den Rückweg zum Palast machten. Der goldene Schlüssel ruhte sicher als einer von vielen an ihrem Schlüsselring.

Advertisements
Comments
4 Responses to “Das rätselhafte Kästchen ohne Schloss”
  1. Talia sagt:

    Ich finde es grandios wie ihr immer neue RP Ideen findet, die unabhängig von einzelnen Personen sind und Möglichkeiten enthalten für alle andere Gruppen und simfremde Spiele mit an dem RP zu wirken.
    Gruss Talia

    • neanarstrom sagt:

      In dem Fall gebührt die Ehre den Pyrana.
      Wir haben nur entschieden, dass wir sie herzlich aufnehmen und den Faden aufnehmen, so gut wir können.

      • Talia sagt:

        Stimmt ich verfolge dieses RP auch stetig in Coras Blog. Aber den Faden aufzunehmen. Dem Geheimnis eine Struktur zu geben und sie weiterzuverfolgen. Wer auch immer das ausgebrütet hat ich bin wie immer begeistert.
        Grüsse Talia

  2. Gerd sagt:

    Boah wie geil ist das denn. Ich hab mal wieder eine Gänsehaut bekommen beim lesen, so spannend ist die Geschichte.

    Gruß

    Gerd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: