Der Kanda-Streit

Er kürzlich hatten sie die beiden Heilerinnen, Lady Jean und Lady Nienna, am Hafen in aller Öffentlichkeit angekeift. Amira hatte sich nicht eingemischt, was zum einen daran lag, dass sie sich beiden Heilerinnen verpflichtet fühlte und zum anderen daran, dass sie gerade den Kajirus Val erhandelte. Womöglich war dieses Nichteinmischen ein Fehler gewesen. Denn nun lag die Sache vor dem Hohen Rat und man verlangte von Cato, dass er die beiden streitlustigen Heilerinnen zu einer Anhörung lud und eine Lösung für das Problem fand.

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Nur – was war eigentlich das Problem? Offziell ging es um eine fachliche Auseinandersetzung um das allseits bekannte Schmerzmittel Kanda. Lady Jean hielt den Gebrauch von Kanda für nicht ratsam und Frobicain für die bessere Alternative. Leider wollte sie Lady Nienna ihre fachliche Meinung gleich aufdiktieren und ein Kanda-Verbot für Turmus erwirken. Lady Nienna hingegen sprach sich für den kontrollierten Einsatz von Kanda aus und wollte sich kein Kanda-Verbot in der Heilerei gefallen lassen.

Soweit die Sachlage.

Amira trat durch den Vorhang und sah im Gerichtssaal die Anhörung bereits in vollem Gange. Während sie so leise wie möglich eine der hinteren Zuschauerbänke ansteuerte, was nicht leicht war, weil jeder Schritt im Saal von den Wänden in voller Lautstärke zurückgeworfen und um ein Vielfaches verstärkt zu werden schien. Cato saß im Richterstand und lauschte den Ausführungen von Lady Jean über den Gebrauch und die Risiken von Kanda. Neben Amira waren noch Gwenda und Sir Turin anwesend. Wer auf wessen Seite stand, war nur im Fall von Turin ersichtlich, der Niennas Gefährte war. Gwenda hingegen war zwar die Gefährtin von Turins Bruder, aber sie war auch Bürgin für Lady Jeans Heimsteinschwur gewesen.

Lady Jeans Heimsteinschwur. Amira sah die beiden Rivalinnen vor sich und sann darüber nach, ob Lady Jeans Schwur nicht etwas zu direkt mit dem Auftauchen der Konkurrenz in Turmus zu tun gehabt hatte. Es war offensichtlich, dass Lady Jean ihren Vorteil als Bürgerin suchte um Nienna ihren Willen aufzuzwingen. Und zuvor war von einem Heimsteinschwur von Seiten Jean ehemals Rive de Bois und nun Jean civitatis Turmus nie die Rede gewesen.  Amira hatte Jean immer geschätzt. Bei der Geburt der Zwillinge war es Jean gewesen, die Helena beherzt aus ihrem Leib geschnitten und sie vor dem Verbluten bewahrt hatte. Das Leben ihrer Tochter und das eigene hatte Jean seinerzeit gerettet. Warum brachte eine neue Heilerin Lady Jean so aus dem Gleichgewicht, dass sie sich zu solch würdelosem Verhalten am Hafen hatte hinreißen lassen?

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Amira schlug die Beine übereinander und versuchte auf den harten Bänken ohne Rückenlehne eine bequeme Sitzposition zu finden. Während Jean sprach, schien Nienna bereits ungeduldig zu werden und blätterte in dem Buch, das sie vor sich auf dem Rednerpult liegen hatte, offenbar um eine bestimmte Textstelle zu finden, die später ihre Argumente untermauern sollte. Als Jean mit ihren Ausführungen fertig war, erteilte Cato Nienna das Wort. Die Stimmung zwischen den Frauen schien immer kühler zu werden, aber Amira spürte im Hintergrund die Funken fliegen. Beide gaben sich betont sachlich, aber die Stimmen und ihre Körpersprache verrieten den verzweifelten Versuch ihre Verbissenheit zu kaschieren.

Nienna gab sich defensiver und weniger fordernd als Lady Jean. Ein kluger Kaissazug bei einer Anhörung vor Cato. Kein goreanischer Mann schätzte laute Forderungen und Rechthaberei aus dem Munde einer Frau. Freilich bestand kein Zweifel, dass Nienna ebenso überzeugt von ihrer Meinung war wie Jean von der ihren. Amira mochte Nienna. Sie hatte neben einem hohen Maß an Bildung auch Amira sofort ihr Vertrauen geschenkt und einige Umstände offenbart, die man besser nicht jedem offenbaren sollte. Auch wenn Amira das gleiche Maß an Vertrauen niemals zurückzahlen konnte, weil ihre misstrauische Natur es ihr verbot, schätzte sie dies an Nienna als guten Charakterzug. Menschen, die vertrauten, waren in der Regel keine Menschen, die es darauf abgesehen hatten, anderen zu schaden. Und Niennas Fachgebiet war Frauenheilkunde und Geburtshilfe, was Amira faszinierend fand, auch wenn es für sie selbst keine Hoffnung mehr auf eine Schwangerschaft gab. Hinzu kam, dass Sir Turin für Turmus mit den Südtruppen gegen den Norden angetreten war. Viele Männer der Del-ka Brigade waren heimsteinfremd, aber fühlten sich Turmus über Del-ka dennoch sehr verbunden.

Nachdem beide Heilerinnen ihre Argumente vorgetragen, sowie Amira als Prätor angegeben hatte, dass es bisher keine dokumentieren Diebstähle oder Raubüberfälle in Zusammenhang mit Kanda in Turmus gab, legte Cato die Feder beiseite, mit der er sich Notizen gemacht hatte. Die Anhörung war beendet und er musste eine Regelung finden, bis die endgültige Entscheidung getroffen und bekanntgegeben war. Dies konnte einige Tage in Anspruch nehmen, denn es galt nun den Rat zu infomieren, dessen Meinung einzuholen und womöglich die Stimme einer neutralen Heilkundigen zu hören. Flaminius, der erste Heiler von Turmus, hatte sich ganz den Forschungen verschrieben und galt als Traditionalist. Seine Stimme würde im Rat großes Gewicht haben.

Aber Cato oblag es nun, den Konflikt vorerst zu entschärfen. Seine Stimme füllte den Saal mühelos mit ihrer Präsenz und gespannt hingen die Anwesenden an seinen Lippen. Vorerst sollte jede der Heilerinnen Kanda so einsetzen, wie es ihnen ihre Ausbildung, ihr Wissen und ihr Verantwortungsgefühl vorschrieb. Jede Heilerin hatte im Krankenhaus am Hafen ihr eigenes Behandlungszimmer und konnte dort nach bestem Wissen und Gewissen frei entscheiden. Er verpflichtete Lady Nienna jedoch, die Substanz nicht in der Heilerei zu belassen, wenn sie nicht dort war. Sie konnte es am Morgen mitbringen und Restbestände am Abend wieder mit heimnehmen, wo sie sie sicher verwahrt waren bei Turin, einem Krieger der roten Kaste. Was den Handel anging, so sollte Kanda nur von lizensierten Händlern an Heilkundige abgegeben werden dürfen. Jede noch so kleine Menge musste dokumentiert werden und Schwarzhandel, so Cato, würde empfindlich bestraft werden.

Während Nienna mit dieser vorläufigen Regelung offenbar gut leben konnte, wurde Lady Jean zornig und legte nach ein paar weiteren Worten mit dem Administrator und Nienna ihre Tätigkeit als Heilerin vorerst nieder. Erschütterung zeigte sich in den Gesichtern der Anwesenden. Amira schüttelte den Kopf. Eine unkluge und übereilte Entscheidung, getragen von der Emotion des Augenblicks. Cato verließ den Saal mit dem Hinweis an Jean, sie am Folgetag unter vier Augen sprechen zu wollen. Sein Blick verhieß nichts Gutes und Amira folgte ihm rasch in den Palast.

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Comments
3 Responses to “Der Kanda-Streit”
  1. Gerd sagt:

    Und wieder eine Gänsehautgeschichte, vom feinsten.

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  1. […] nur das sie mir meine kompletten Kanda-Vorräte verbrannte, nein sie zerrte mich auch vor den Rat um mir die Nutzung vollends verbieten zu lassen!   Nach der Anhörung vor dem Administrator war […]

  2. […] nur das sie mir meine kompletten Kanda-Vorräte verbrannte, nein sie zerrte mich auch vor den Rat um mir die Nutzung vollends verbieten zu lassen!   Nach der Anhörung vor dem Administrator war […]



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