Spirit of Gor (4) – Der Glaube an die Priesterkönige und die Kaste der Eingeweihten

Der neben dem Prinzip der Ungleichheit wohl schwierigste Bereich im Gor-Rollenspiel ist der Umgang mit der Kaste der Eingeweihten. Ich vermute, dass es aus zwei Gründen kaum Spieler gibt, die die Rolle eines Eingeweihten spielen wollen: Zum einen ist sie uninteressant was erotische Belange angeht, denn Eingeweihte dürfen eine Frau oder eine Slavin nichtmal im alltäglichen Rahmen berühren. Zum anderen liegt die Problematik im Nichtwissen oder Nichtbegreifen der Machtverhältnisse der anderen Spieler.

Der Glaube an die Priesterkönige und der Respekt vor der Kaste der Eingeweihten sind für säkularisierte moderne Menschen nur schwer zu verstehen oder nachzuvollziehen. Der Goreaner glaubt an die Macht der Priesterkönige, auch wenn die Beschaffenheit und die Rolle derselben von den Kasten unterschiedlich verstanden wird. Aber die Macht der Priesterkönige und der drohende blaue Flammentod sind für jeden Goreaner Fakt. Den wenigsten Rollenspielern ist klar, dass die Kaste der Eingeweihten damit prinzipiell die höchste Machtposition inne hat. Gegen den blauen Flammentod ist jedes Gold und jedes Gladius machtlos. Daher fürchtet jeder Goreaner es aus tiefster Seele den Zorn der Priesterkönige auf sich zu ziehen.

Die Kaste der Eingeweihten gilt – besonders bei den niederen Kasten – als direktes Sprachrohr und ausführende Kraft der Priesterkönige. Diese direkte Verbindung zwischen den Priesterkönigen und der Kaste der Einweihten mag von einigen Hochkastigen angezweifelt werden, aber niemand – auch kein Zweifler – würde einen Eingeweihten öffentlich in Frage stellen. Gerade das kommt uns im Geiste der Aufklärung erzogenen Menschen völlig unbegreiflich vor, besonders dann, wenn sie Kaste der Eingeweihten unbequeme Forderungen stellt oder sich möglicherweise bereichern will. Aber für den Goreaner ist es nicht erstrebenswert, dass alle über das gleiche Wissen verfügen. Und für die hohen Kasten ist der blinde Gehorsam der niederen Kasten an die Eingeweihten sowohl Segen als auch Fluch: Sie schätzen die Lenkungskraft, die von der weißen Kaste auf die Massen ausgeht. Aber sie fürchten diese Lenkungskraft auch, weil sie sich gegen sie selbst richten könnte. Aus diesem Grund ist jeder Goreaner, auch der Hochkastige darauf bedacht, es sich mit den Vertretern der weißen Kaste nicht zu verscherzen.

Heldenhaftes atheistisches und aufklärerisches Aufbegehren gegen die Vertreter der weißen Kaste, mag zwar dem Rollenspieler ganz direkt aus seinem OOC-Wertesystem strömen, es hat aber im Gor-Rollenspiel überhaupt nichts verloren.  Wer sich öffentlich gegen einen Eingeweihten äußert, schießt sich damit ins gesellschaftliche Abseits. Denn er bringt nicht nur der höchsten aller Kasten nicht den entsprechenden Respekt entgegen, nein, er riskiert auch eine Erschütterung der Machtverhältnisse, die das ganze Kastensystem betreffen. Zusätzlich bringt er damit nicht nur sich, sondern seinen ganzen Heimstein in Gefahr, den Zorn der Priesterkönige und damit den blauen Flammentod auf sich zu ziehen.

Abgesehen davon hat die Kaste der Eingeweihten eine eigene Rechtsprechung. Wer sich öffentlich gegen die weiße Kaste äußert lästert damit nach goreanischer Logik den Priesterkönigen. Die Gerichtsbarkeit der weißen Kaste liegt völlig in der Hand derselben – vergleichbar vielleicht mit der irdischen Inquisition. Eingeweihte dürfen zwar selbst kein Blut vergießen, aber sie verfügen in der Regel über die finanziellen Mittel sich Folterknechte zu kaufen. Auch davor müssen Goreaner, die die weiße Kaste im Stillen in Frage stellen, sich fürchten.

Fassen wir also zusammen: Sich im Rollenspiel öffentlich gegen einen Eingeweihten zu wenden ist unstimmig. Es sei denn man nimmt verschiedene Konsequenzen in Kauf, die sich aus den Büchern ableiten lassen:

1. Abwendung vom Kastenystem

2. Gefährdung der Machtverhältnisse, bzw. Verlust der Kontrolle über die niedrigen Kasten

3. Zorn der Priesterkönige und der blaue Flammentod

4. Abkehr von dem, was in der Gesellschaft als schicklich und akzeptabel gilt und damit der Verlust von Amt, Würden und Ansehen

5. Folter und Tod durch die Gerichtsbarkeit der weißen Kaste

Spielen die anderen Spieler ohne Respekt vor der Kaste der Eingeweihten oder verhöhen sie gar öffentlich, ist das ungefähr so, als würde eine Sklavin nicht akzeptieren, dass ein Mann stärker ist und über mehr Macht verfügt. Man führt schlicht das gegebene Setting ad absurdum.

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Comments
10 Responses to “Spirit of Gor (4) – Der Glaube an die Priesterkönige und die Kaste der Eingeweihten”
  1. onolisicious sagt:

    Nea klärt auf! Cato hat jedenfalls fleißig für den Tempel und die Eingweihten gespendet. Auch wenn er insgeheim glaubt, dass Serenus sich dafür ne Menge Tharlariongespanne, Privattarns, Villen und Weiber anschafft! Nur würde er das natürlich niemals laut äußern!

  2. Isabell sagt:

    Wenn ich mir das so durchlese frage ich mich was machte es dann für einen Sinn einen Wissenden zu spielen. Denn der Spelraum ist klein und der Weg vorgegeben und das strickt, nicht nur für den Spieler des Weißen selber sondern auch für die anderen Spieler ihm gegenüber.
    Als Spieler diese Macht die ein Wissender hat auszuspielen bringt auch zwangsläufig Probleme mit sich da keinem was anderes übrig bleibt als dem Folge zu leisten was der Wissende will. Es kann sogar passieren das andere Spieler in ihrer Rolle föllig zerlegt werden, das geht beabsichtigt aber auch unbeabsichtigt ziemlich schnell. Ich habe das selber schon einmal erlebt.
    Also vorsichtig mit der Rolle man hat ganz schnell eine Lawine losgetreten die man nicht mehr stopen kann ob man will oder nicht.

  3. Hm, ich habe mir deinen Text aufmerksam druchgelesen, mir war klar das die Wissenden einen großen Einfluss haben, aber soooo groß. Dann muss ich mein Spiel neu überdenken, weil schlechtes Charma ist für einen Krieger schlimm. Ich denke Brom wird ab sofort mehr Respekt und Ehrfurcht an den Tag legen. UND NATÜRLICH SPENDEN! Weib, hole meinen Tarskbeutel…

  4. Dein Profilbild ist ja mal scharf! Grrrr. Da steht das Gladius aber sowas von stramm nach oben!

    • neanarstrom sagt:

      *g*

      Der ehrenwerte Brom wird Amira aber vermutich nicht spärlich bekleidet zu Gesicht bekommen. Da hatte Gerd schon mehr Glück, als er sie aus der Hütte der Rencer befreite.

  5. Pytius sagt:

    Ich gehe da mit Nea konform, aber vielleicht kann ich ein paar Erläuterungen und Hinweise für den Umgang mit den Men in White beisteuern. Das ganze ist der Einfachheit halber als Fakt formuliert, aber bitte nicht als solcher zu verstehen, sondern spiegelt lediglich meine persönliche Sichtweise und eigenen Gedanken wieder und hat keinen darüber hinaus gehenden Anspruch. Ich habe definitiv nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen und ich lerne jeden Tag mehr über Gor hinzu.

    Einen Wissenden zu spielen wird aus den gleichen Gründen Spaß machen, aus denen man Vergnügen daraus zieht, jede andere Rolle mit starken Einschränkungen innerhalb dieser geschickt und vollends auszureizen. Das ist bei einem knallhart (vor allem gegen sich selbst) durchgezogenen Paladin (im klassischen RPG-Sinne) nicht anders, besser noch, in so ziemlich jeder Rolle in einem asiatisch gefärbten Setting wie Rokugan (Legend of the Five Rings).
    Und in beiden Beispielen funktioniert das, weil eben das Setting (und damit auch jeder SC oder NSC) eine bestimmte, unverrückbare Erwartungshaltung an die Rolle richtet.

    Das wiederum ist auch der Punkt, der den Charakter angreifbar macht. So ein Charakter muss sich innerhalb rigider Grenzen bewegen und riskiert, mehr als andere, unliebsame Konsequenzen, Repressalien oder Statusverlust, wenn er diese verletzt. Abgesehen von dem Waffen- und Tötungsverbot oder der Enthaltsamkeit hat ein Wissender drei Schwachstellen an den man ihn packen kann, wenn man es geschickt und dezent anstellt, indem man sich des Settings bedient, anstatt dagegen zu wirken:

    1. Ein Wissender muss sein Tun vor seiner eigenen Kaste rechtfertigen, insbesondere seine repräsentativen Aufgaben. Auch wenn gerade die Weiße Kaste interne Auseinandersetzungen nicht nach draußen dringen lassen wird, ist es jedoch ebenso diejenige, die am meisten auf Konformität achtet und am wenigsten Abweichungen und Störungen durch die eigenen Leute hinnehmen kann und wird (schon gar nicht nach dem hübschen Beispiel von Ar). Natürlich muss man hier sehr diskret vorgehen, wenn man einen Weißrobigen bei seiner eigenen Kaste anschwärzen will und auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, man wolle Beschwerde erheben oder würde an seiner Autorität zweifeln oder gar anklagen.

    2. Politische Notwendigkeit ist ein weiterer Faktor. Auch (bzw. schon gar nicht) ein Wissender kann sich nicht über die Grundpfeiler goreanischen Rechts hinwegsetzen, da er damit per eigener Definition an dem Willen der Priesterkönige zweifeln würde. Abgesehen davon ist die Weiße Kaste erklärtermaßen auf die anderen Kasten angewiesen, denn auch diese benötigt Nahrung, Kleidung, Seren, Obdach, Leute, die das Volk in den Grundpfeilern Gors unterrichten usw. Ein Goreaner geht üblicherweise schlicht davon aus, dass sich ein Wissender dieser Verantwortung bewusst ist und wird in dieser Angelegenheit blindes Vertrauen an den Tag legen. Folglich muss ein einzelner Wissender, der als de facto Repräsentant der Ordnung das strikte gesellschaftliche System eher erschüttert, als es zu stärken, kurz oder lang mit Konsequenzen für seinen Heimstein rechnen, die ihn ebenso persönlich betreffen.

    3. Religiöse Hingabe. Vor die Wahl gestellt, dem eigenen Wohl oder dem der Priesterkönige zu dienen, muss ein Wissender sich zwangsläufig für letzteres entscheiden. Natürlich gilt dies für jeden Goreaner (weshalb man darauf achten muss, dass so ein Ansinnen nicht nach hinten losgeht), aber die Weiße Kaste steht durch ihre Funktion und enge Bindung an die Priesterkönige diesbezüglich grundsätzlich unter Zugzwang.

    Natürlich ist selbst die behutsame politische/intrigante Auseinandersetzung mit einem Wissenden ein Spiel mit dem Feuer (oder blauen Blitzen) und nur wenige Goreaner würden dies überhaupt in Erwägung ziehen. Im Falle dessen aber sind harmlos klingende und durch Recht und Hingabe motiviert erscheinende Fragen oder Vorschläge das Mittel der Wahl, auch wenn man sich nicht direkt an die Weiße Kaste wendet. Die Kehrseite der Medallie ist nämlich, dass mit Abstand die meisten Goreaner es vorziehen, in der Gunst der Wissenden und damit der Priesterkönige zu stehen, sei es auch dadurch ketzerisches Verhalten angezeigt zu haben.

    Man hat aber durchaus die Möglichkeit zu interessantem und settingkonformen Konflikt-RP, wenn man es nur elegant genug anstellt.

    • neanarstrom sagt:

      Danke sehr für diesen ausführlichen und interessanten Kommentar.
      Ein weiteres Problem für den Spieler, der einen Wissenden spielt, ist auch ein wenig die Gratwanderung zwischen dem Aufrechterhalten der eigenen Autorität und der Frage, das man mittels dieser Autorität andere Spieler möglicherweise an die Wand spielt.
      Im Grunde ein Risiko, das jede Rolle mit viel Power im Sinne von Macht, beinhaltet. Da ist also viel Fingerspitzengefühl gefragt

      • Pytius sagt:

        Den reinen RP-Aspekt habe ich bewusst außen vor gelassen, auch unter dem begründeten Verdacht damit offene Türen einzurennen, aber natürlich teile ich die Meinung, dass insbesondere bei Charakteren in Machtpositionen (also auch weltlichen) mit dem Ausspielen der Autorität behutsam umgegangen werden sollte. Auch und gerade da kommt, so denke ich, die RP-Prämisse „Thou shall not play god“ zum Tragen.

        Man kann, meiner Erfahrung nach, viel dadurch relativieren, indem man sich auf die mit der Position verbundenen Zwänge konzentriert. An Arroganz grenzende Selbstsicherheit (oder auch Selbstüberschätzung) ist auch immer ein probates Mittel, in dem Sinne, dass man seinen Charakter so spielt, dass er es schlicht nicht als nötig erachtet, seine Macht bei jeder Gelegenheit heraushängen zu lassen oder auszuspielen, vielleicht nicht einmal dann, wenn er es objektiv betrachtet sollte.

        Ebenso halte ich es gerade bei solchen Charakteren für angebracht, ihre persönlichen Schwächen und Eigenarten im Rahmen der Möglichkeiten ihres Status‘ ausführlich darzustellen.Dies verleiht ihnen eine persönliche Ebene, die sie umgänglicher macht, als ihre reine Funktion. Auch der Punkt, dass Macht, Verantwortung und Repräsentationspflicht gewöhnlich anstrengend und nervenzehrend sind kann da sehr hilfreich eingesetzt werden (aber wem erzähle ich das?).

        Überdies gibt es immer einen kalten Fuß, auf dem man selbst den Mächtigsten erwischen kann und Macht kompensiert menschliche Fehlbarkeit nur höchst bedingt (Paradebeispiel Rencerplot).

        Und ein unfehlbarer, unangreifbarer Supermann und Deus-ex-machina-Lieferant wird recht schnell langweilig, sowohl für das eigene Spiel als auch das anderer. Jemand, der die Machtposition seines Charakters nutzt, um daraus Anreize für das RP zu ziehen, fährt meiner Beobachtung nach gewöhnlich besser.

        Anzumerken sei vielleicht noch, dass so ziemlich jeder freie Goreaner im Verhältnis häufig zu irgendwem eine Machtposition einnimmt.

        Aber ich gebe hier sicher nichts Neues zum besten, wenn ich mir Turmus anschaue. Wie gesagt, bereits offen stehende Türen eben.

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