Um Haaresbreite

Amira spürte, dass Cato kurz davor war zu explodieren. Seine Handlung war äußerlich voll von Sorge, als er die Decke über sie breitete und Honey anfuhr, sie von dem getrockneten Blut zu befreien, aber sie konnte in seinen Augen lesen, dass sie Strafe erhalten würden. Sie und Isabell. Dabei hätten sie ihn fast gehabt!

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Zuerst war der Larl – ausgehungert und völlig von Sinnen offenbar – am Hafen gesichtet worden und hatte alle drei Frauen – Lady Jean, Isabell und sie selbst im Badehaus belagert. Dann war er schließlich von Vulo mit Hilfe eines ausblutenden Verrs fortgelockt worden und sie hatten das Badehaus unverletzt wieder verlassen können. Und dann hatte sie der Übermut gepackt, der unverzeihliche Übermut. Amira hatte davon gelesen und auch Männer oft davon reden hören, sie nannten diese Erregung das Jagdfieber. Amira hatte es einige Male schon gespürt, aber bisher war sie nur in relativer Sicherheit mit Biest durch die Wälder geritten und hatte manchesmal ein Wildvulo oder ein junges Tabuk erlegt. Aber das hier war etwas anderes. Ein Larl! Sie hatte noch nie einen lebendigen Larl gesehen.

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Sie war nach Hause gerannt –  gerannt in ihren Roben! Hatte sich die Jagdkleidung übergeworfen und Biest vom Stallkajirus satteln lassen. Dolch und Bogen und schon ritt sie am Hafen entlang Richtung Wälder, während Isabell ihr noch zurief, sie solle warten. Kein Funke von Vernunft war da mehr in ihrem Kopf, so dass sie wenige Ehn später mit Biest schon ins Unterholz vorstieß. Die riesigen Pranken der Raubkatze hatten Spuren im weichen Waldboden hinterlassen, denen sie nun folgte, während Biest bereits Witterung aufgenommen hatte. Das weiße Tharlarion war ein zuverlässiger Begleiter auf der Jagd, man saß erhöht und recht sicher, geschützt nicht nur vom eigenen Bogen, sondern auch von den scharfen Zähnen und Klauen des furchteinflößenden Reittieres.

In der Nähe des Bauernhofes lichtete sich der Wald allmählich und Amira nahm Tempo zurück. Dann teilten sich die letzten Zweige vor ihnen und sie sah ihn. Er war noch dabei die Reste des Verrs zu vertilgten, was seine Sinne offenbar ganz und gar in Anspruch nahm. Blutverschmiert war sein Maul, seine Vorderpranken und sein Brustfell. Amiras Blick in das Viehgatter verriet ihr, dass er offenbar nicht zum ersten Mal zugeschlagen hatte. Im Gatter der Verrs befand sich nur noch ein einziges Tier. Raul, der Bauer, würde außer sich sein, wenn er aus seinem Tiefschlaf erwachte.

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Sie griff nach hinten und zog langsam und so leise wie möglich einen Pfeil aus dem Köcher. Dann nahm sie ihren Jagdbogen und legte an. Ihre Hände zitterten leicht, während Biest leise stinkende Wolken von Atem aus den Nüstern bließ und Speichelfäden sich aus seinem Maul Richtung Waldboden abseilten. Amira brachte die Pfeilspitze genau Richtung Hals des Larls, der fortwährend Fleischstücke aus dem aufgerissenen Kadaver riss. Offenbar stand der Wind günstig. Das Tier war ahnungslos oder aber es fühlte sich in Sicherheit.

Der Pfeil raste mit einem leisen Surren auf den Larl zu und traf ihn in der Schulter. Zumindest glaubte Amira das erkannt zu haben, denn in diesem Moment geschahen zwei Dinge. Der Larl stürzte mit einem Knurren auf sie zu und Biest tat einen Satz nach vorn, so dass Amira das Gleichgewicht verlor und mitsamt dem Bogen, den sie noch in Händen hielt, nach hinten auf den weichen Waldboden stürzte. Entsetzt schrie sie auf und sprang wieder auf die Füße. Von rechts kam Isabell mit gezogenem Bogen aus dem Wald gerannt, schoss auf den Larl, der gejagt von Biest weiter Richtung Bauernhofe davonrannte und hinter dem Gebäude verschwand.

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Isabell lacht und blieb bei Amira stehen. In ihren Augen erkannte Amira das, was sie selbst spürte. „Mir scheint wir haben den gleichen Jagdausstatter, Lady Amira.“ schmunzelte sie und ging dann zügig den Spuren nach, die beide Tiere im Boden hinterlassen hatten. Amira nahm ihren Bogen wieder auf und folgte ihr entschlossen. Sie hatten ihn getroffen. Es konnte nur noch darum gehen, dem Tier den Rest zu geben. „Ein Ehrentitel. Vielleicht bekommen wir einen Ehrentitel – Bezwingerin des großen Larl“, hörte sie Isabell aufgeregt rufen. Noch einmal kurz bekamen sie Gelegenheit auf das Ungeheuer zu schießen, dann verschwand seine riesige Silhouette einen Abhang hinunter. Von Biest keine Spur.

„Es rennt in die Sümpfe. Da kriegen wir es!“, hörte sie Isabell noch und dann war die Diplomatin auch schon den Abhang runter, nachdem sie sich an einem Feld voller gifter Blüten verletzt hatte und leise fluchte vor Schmerz. Amira blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Instinkt riet ihr, dass sie keinen Fuß in die Sümpfe setzen sollte. Das hier war kein Ausflug und kein Spaziergang mehr. Bei der letzten Mission waren Männer hier gestorben und zwar nicht, weil sie von Rencern erschossen worden waren, sondern weil die Ausläufer des Deltas voller Kreaturen waren, die man bessser nicht kennen lernen wollte.

„Isabell? Geht da besser nicht weiter!“, rief Amira ihr hinterher, dann umrandete sie das Feld mit den Giftpflanzen und blickte hinunter. Allein der Anblick war wenig einladend. Nebel kroch über den sumpfigen Boden, aus dem hin und wieder Fäulnisblasen platzen und verrieten, wie trügerisch der Untergrund sein mochte. Es roch nach feuchtem Moder und vor allem zog dort, wo Amira noch Boden vermutet hatte, eine seltsame Flosse durch den Schlamm. Mitten in all dem sah sie Isabell mit gezogenem Bogen stehen und etwas weiter entfernt, schlich sich der Larl durch das mannshohe Rence davon. Sie sah Isabell dort stehen, und dann war sie auf einmal fort. Ein paar Schritte war sie gelaufen und dann – weg! Amira kreischte entsetzt auf. „Isabell?!“

Sie hatte Angst den Sumpf zu betreten und der Larl war nun völlig vergessen. Sie konnte aber Isabell dort unten auch nicht einfach sterben lassen. Bei allen Differenzen war sie immerhin ein Mitglied ihrer eigenen Kaste. Amira eilte nun ebenfalls den Abhang hinunter und tastete sich vorsichtig  vor, immer wieder nach Isabell rufend, der es dann tatsächlich gelang aus einer schlammigen Untiefe herauszukriechen. Doch als sei es mit dem Elend noch nicht genug, fiel ein Schwarm Sumpfwespen über die Diplomatin her, als sie deren Nest zu nah kam.

Der Larl indessen umrundete die beiden hysterisch schreienden Frauen unbemerkt und schlich einen anderen Abhang hoch, der aus dem Sumpf herausführte. Dort oben legte er sich auf die Lauer, denn es gab nicht viele Wege, die seine Beute nach Hause führen konnte. Davon ahnten Amira und Isabell allerdings noch nichts. Sie taumelten aus dem Sumpf heraus, den Abhang hoch, über den sie gekommen waren und zurück Richtung Bauernhof. Doch sie sollten nicht weit kommen. Der Larl fiel zuerst Amira an, die nur noch den Dolch greifen, diese aber nicht mehr ziehen konnte, dann versank sie in tiefer Bewusstlosigkeit. Der rechte Ärmel ihrer Tunika war zerfetzt und sie verlor Blut aus einigen großen Rissen, die die Larlklaue ihr beigebracht hatte. Isabell hatte noch auf den Larl schießen können, bevor er sie ansprang, zu Boden warf und dann wieder in die Sümpfe verschwand.

Als Amira wieder zu sich kam, kam ihr ihr ganzes Elend zu Bewusstsein. „Cato wird mich in einen Kragen stecken und ich werde das Haus nie wieder verlassen dürfen, wenn das raus kommt!“, murmelte sie ahnungsvoll. Und auch bei Isabell war nun mit einem Mal der Verstand zurückgekehrt. Gemeinsam stolperten sie zurück Richtung Stadt, die Angst vor dem Larl im Nacken. Von Amiras kostbarem Tharlarion keine Spur.

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Nun lag sie hier in der Heilerei mit ihrem von Lady Jean genähtem Arm. Alle Versuche die Wahrheit vor Cato zu verschleiern, waren kläglich gescheitert. „Morgen verkünde ich mein Urteil. Das wird Konsequenzen haben für euch beide! Am liebsten würde ich euch in einen Strafkragen stecken, aber wie sieht das aus? Die Diplomatin und der Prätor von Turmus im Kragen?!“ schnaubte Cato. Auch Isabell hatte es böse erwischt. Neben den Vergiftungserscheinungen und den Stichen der Wespen musste der Larl seine Klaue in ihr Bein geschlagen haben. Freilich war das alles kein Vergleich zu dem, was ihnen vom Administrator drohte.

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Comments
2 Responses to “Um Haaresbreite”
  1. Mithrandriel sagt:

    Und wieder brauche ich einen Satz neue Fingernägel nach dem Lesen dieses „Waidweib-Krimis“!
    Klauen- und Hornbruch macht das Lust auf die bevorstehende Jagd – sogar (oder erst recht?) wenn man selbst gedenkt, auf vier Pfoten an dem Ereignis teilzunehmen 🙂

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  1. […] und Lady Jean vor die Schnauze und konnten sich mit knapper Not ins Badehaus flüchten. Auch Lady Amira geriet in Bedrängnis und suchte ebenfalls im Badehaus Zuflucht. Nachdem Isabells Mädchen Vulo die […]



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