Nur auf dem Pfad der Nacht erreicht man die Morgenröte.

Amira gestattete es Laertes, seinen Vater eine Ahn vor Sonnenaufgang zu wecken. Es war der erste Morgen im Monat En’kara. Die Bürger und Bewohner würden sich vor dem Stadttor versammeln, dem Glockengeläut zum neuen Jahr lauschen und Cato würde als Administrator im Namen von Turmus das Zentralfeuer am ersten Morgen des neuen Jahres begrüßen.

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Gerade noch rechtzeitig hatte Lady Jean ihm gestattet, die Heilerei zu verlassen und seine restlichen Verletzungen im behaglichen Heim auszukurieren. Er hatte es abgelehnt, sich in einem Stuhl auf Rädern herumschieben zu lassen, obwohl ihm deutlich anzusehen war, dass das Bein ihm noch Schmerzen bereitete. So war er mit verbissenem Gesichtsausdruck mit Amira zum Sommerhaus gehinkt.

Auch an diesem Morgen, während Turmus noch im Dunkeln lag, spürte Amira die ungewohnte Distanziertheit, die von ihm ausging. Er drehte sich von ihr weg, während er die Festrobe anzog, die sie ihm herausgelegt hatte und wenn er sie küsste, küsste er sie einem Kind gleich auf die Stirn. Instinktiv begriff Amira, dass er vor ihr keine Schwäche zeigen wollte. Sein Körper war übersäht mit den Spuren seines langen Leidens während der Entführung. Er versuchte diese vor ihr zu verbergen und vor allen Dingen vermied er den Körperkontakt zu ihr. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen und vor allen Dingen seine Verschlossenheit nicht persönlich zu nehmen. Aber es nagte an ihr, dass es ihm offenbar unmöglich war in die alte Vertrautheit zurückzufinden. Keine Verletzung an seinem Körper, keine Spur war ihr verborgen geblieben, während sie ihn in der Heilerei gepflegt hatte. Aber nun zog er sich von ihr  zurück in das dunkle Gefängnis seiner Schuld. „Ich habe Unheil über Turmus gebracht. Über den Amiral und über dich, Amira.“, hatte er gestern vor dem Einschlafen gesagt. Amira versuchte ihm dieses Gefühl von Schuld zu nehmen, aber es war ihr offenbar nicht gelungen. In der Nacht hatte Cato trotz des Schlafpulvers geredet und um sich geschlagen, so dass sie kein Auge zugetan hatte. Besonders, dass der Admiral ein Auge im Kampf mit Minos, dem Rencer, verloren hatte, konnte sich Cato offenbar nur schwer verzeihen. Und auch das, was Minos mit Amira getan hatte, verfolgte ihn in seinen Träumen.

Nachdem Laertes ihm seinen selbstgeschriebenen Willkommensbrief überreicht hatte, besserte sich Catos Laune etwas. Dann war es auch schon Zeit Richtung Stadttor aufzubrechen –  vereint als Familie. Amira trug die Zwillinge auf dem Arm und Laertes hielt sich an ihrer Robe fest, während sie Cato folgten. Sein Gehstock hinterließ eine Spur von winzigen Löchern in der taunassen Wiese, die Amiras lederne Sandalen unangenehm klamm werden ließ.

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Die Glocken begannen zu läuten, während Cato noch im Tempel war. Er betete leise und Amira ließ ihn allein um Laertes die Bedeutung der Brak-Zweige zu erklären. Es dauerte nicht lange und die Bürger und Bewohner trafen am Stadttor ein. Es herrschte allgemeine Heiterkeit. Das Ende der Warte-Hand hatten alle herbeigesehnt. Nun konnte wieder geschlemmt, getrunken und gefeiert werden ohne gegen die guten Sitten zu verstoßen. Catos Ansprache war kurz, aber voll wohl gesetzter Worte. Er hatte den Stock neben sich gestellt und stand aufrecht. Nur Leute, die ihn gut kannten, konnten an seiner Stimme erahnen, wieviel Anstrengung ihn dies kostete. Hoffnung war das zentrale Thema seiner Rede. Dann führte er die Prozession von Menschen Richtung Hafen, wo vor dem Badehaus die große Feuerschale vorbereitet war.

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Lar-Torvis hatte bereits die Zinnen der Stadtmauer in ihr warmes, rotes Licht getaucht. Nun, hier am Platz vor dem Badehaus, hatte man einen atemberaubenden Blick auf die glutrote Feuerkugel, die aus dem Fluten des Flusses aufzusteigen schien und ihre mit ihren flammenden Fingerstrahlen die Stadt und die Menschen zu wärmen begann. Amira ließ Laertes seine Zweige ins Feuer werfen und legte den Finger über dem Schleier auf ihre Lippen um ihn daran zu erinnern, seinen Wunsch für sich zu behalten. Nacheinander überantworteten die Bürger und Bewohner ihre Brak-Zweige den knisternden, alles verzehrenden Flammen.

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Anschließend gab es Ka-la-na, Paga und Met sowie Köstlichkeiten von Gwenda. Aber viel köstlicher als das Lachen der Menschen, der Duft der Speisen oder die glücklichen Augen ihrer Kinder war Amira an diesem Morgen Catos Kuss.

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Erschöpft hatte er sich früh von den Feierlichkeiten zurückgezogen und sich zurück ins Bett gelegt. Sie hatte ihre Robe abgelegt und war zu ihm gekommen. Nackt bis auf ihren schönsten Schmuck. Dann war sie in seine Arme geschlüpft und hatte ihn ruhig an sich gedrückt. Nach einem kurzen Moment der Überwindung nahm er seine Hände an ihren Rücken und erwiderte ihren vorsichtigen Kuss. Sie rührte sich nicht, bis er eingeschlafen war. Lar-Torvis hatte ihn berührt und ihm ein Stück von seinem Kummer nehmen können. Und die Zeit, dessen war Amira sich sicher, würde auch die anderen Wunden heilen. Sie legte sich leise neben ihm auf den Bauch und nahm ein Buch zur Hand.

Nur das Blättern der Seiten und seine regelmäßigen Atemzüge waren zu hören.

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Comments
5 Responses to “Nur auf dem Pfad der Nacht erreicht man die Morgenröte.”
  1. onolisicious sagt:

    sehr schön geschrieben, vor allem sehr schöne Bilder — die mich daran erinnern, endlich die Hafenmauer fertigzustellen!

  2. Mithrandriel sagt:

    Schon die weibliche Subtilität an sich ist eine Herausforderung für jeden Mann. Aber wenn sie dann auch noch bestritten wird… 😉
    Wie immer ein die Stimmung des RP durch Worte und Bilder förmlich nacherlebbar machender Post, Nea.
    Da blutet mir wieder einmal das Herz, wegen RL-Verpflichtungen nicht dabei gewesen zu sein.
    Doch es wird, so hoffe und wünsche ich, nicht das letzte En’kara in Turmus gewesen sein!

  3. Serena sagt:

    AAye da sagst Du was, Mith!
    Auch ich kann ja leider Gottes nur sehr selten auf Turmus sein, und wenn dann eher zu Zeiten in denen es sehr ruhig ist (blödes RL, ich ziehe in die Matrix! grins)
    Wenn es Nea’s und Cato’s Blogs nicht gäbe dann wäre ich ooc völlig uninformiert, was mehr als schade wäre bei den regen Bewegungen der Storylines, der Dramatik der Plots und den Ausgängen derselben.
    Auch wenn eine selten anwesende Sklavin natürlich das Blogwissen ic kaum nutzen kann; so ist es dennoch gut denkbar das einige Geschehnisse in der Gerüchteküche unter Sklaven weitergegeben werden. Und das wiederum hilft Shamoni durchaus auch ic weiter die richtigen Fragen zu stellen oder die richtigen Dinge zu entdecken.

    Last not least sind die Machinima’s wirklich entzückend und mit eben so viel Liebe zum Detail gemacht, wie Turmus gebaut wurde und wie Nea’s Schreibe sich liest! Fast bin ich geneigt zu sagen, Norman hätte sich was den Schreibstil angeht mal von ihr beraten lassen sollen, schmunzel.
    Und auch wenn ich es einfach nicht hinkriege wegen meiner doofen Dienstpläne öfter da zu sein, möchte ich Turmus nicht missen!
    Es ist einfach etwas ganz Besonderes!

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