Das Ende der Reise – Wolken ziehen vorbei in blicklosen Augen

Ein Becher Wasser für Cato. Dafür forderte er ihre Unterwerfung.

Amira kniete am Feuer und versuchte die Kälte der Nacht abzuschütteln. Cato war einige Male erwacht und hatte wirres Zeug geredet, man konnte ihn kaum noch verstehen. Sie kannte sich nicht aus mit Verdurstenden, aber sie spürte, dass größte Eile geboten war. Während sie das Fleisch über dem Feuer briet, wanderte ihr Blick immer wieder zu dem Eimer Wasser, der für Cato unerreichbar war. Minos lag auf einem Fell und beobachtete sie. Um ihren Hals lag eine schwere Kette, die zu einem Haken in einem Deckenbalken der Hütte führte. Ansonsten war sie nackt. Nackt wie eine Sklavin. Nackt bis auf den zu Schorf getrockneten Morast der Sümpfe und das zu Rinnsalen erstarrte Blut.

In der Hütte gab es weder Salz noch Kräuter um das Fleisch zu würzen, das Minos von der Jagd gebracht hatte. Dennoch war die Wärme des Feuers angenehm und der Geruch von Gebratenem zog in ihre Nase. Sie wusste er würde ihr nichts zu essen geben. Er würde ihr überhaupt nichts geben, ihr nicht und vor allem Cato nicht –  ohne eine entsprechende Gegenleistung.

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Sie dachte fieberhaft nach. Cato brauchte das Wasser. Aber schon beim bloßen Gedanken vor Minos zu knien und die Arme in Unterwerfung zu überkreuzen stand jede Faser ihres Körpers vor Hass und Abscheu in Flammen. Ob ihr ihr Stolz etwa wichtige sei als das Leben von Cato, hatte Minos sie höhnisch gefragt. Das nagte an ihr. Schließlich kniete sie sich vor ihn und bot ihm eine Schale von dem Fleisch an.

„Dein Fleisch. Möge dir Gerechtigkeit widerfahren, Minos.“ sprach sie ruhig.

Er lachte und deutete dann auf den vor sich hindämmernden Cato. „Ich habe mir die Gerechtigkeit selbst genommen, Amira von Turmus. Also wie ist deine Entscheidung?“

„Ich werde es tun. Aber lass mich ihm erst etwas geben, Minos. Sonst ist es zu spät.“ hörte sie sich selbst sagen. Er winkte sie weg und nickte.

„Einen Becher für euch beide. Nicht mehr.“

Amira robbte auf Knie zu Cato und schöpfte aus dem Eimer einen Becher voll Wasser, versuchte ihn dann zu wecken und zum Schlucken zu bewegen. Das erste Mal überhaupt durfte sie in seine Nähe. Sein Haar war filzig und strähnig. Amira glaubte Tierchen darin krabbeln zu sehen, aber sie hätte sich in seine Arme gelegt ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Er blickte sie an als glaubte er noch zu träumen, aber er schuckte. Langsam ließ sie das lebensrettende Nass über seine trockenen, rissigen Lippen laufen. Langsam, damit er es bei sich behalten konnte und langsam, um den Moment auszudehnen. Dann war der Becher leer bis auf den letzten Tropfen, rasch brachte sie ihre Lippen an Catos und versiegelte sie mit einem Kuss.

„Komm her, Amira von Turmus. Es ist Zeit.“ Minos Stimme drang wie das schrecklich schmerzende Quietschen einer Tür in ihren Moment des Glücks.

Sie bettete Cato sanft auf etwas Rence um seinen Kopf zu stützen und erhob sich dann auf ihre Füße. Minos hatte sich vor ihr aufgebaut und sie wollte nicht kleiner wirken als sie es war, selbst in diesem Moment nicht. Was nun über ihre Lippen kam, kam aus der Tiefe ihres Herzens:

„Lieber sterbe ich, als mich dir zu unterwerfen, Bauer.  Sie werden dich holen und dein Kopf wird auf der Hafenmauer ausgestellt werden. Die Kinder von Turmus werden kommen, über dich lachen und dich anspucken.“

Minos reagierte ohne nachzudenken. Amira spürte nur die ersten Schläge, das Blut, das aus ihrer Nase quoll, den Schmerz, das Anschwellen und dann wurde ihr schon schwarz vor Augen. Cato sah sie fallen. Minos schlug sie unbarmherzig zu Boden, verteilte seine Schläge gezielt in ihr Gesicht und auf ihren Oberkörper um ihr die größtmöglichen Schmerzen zuzufügen. Dann, als sie sich nicht mehr rührte. ließ er von ihr ab.

„Du bist verflucht, Rencer. Nichts kannst du, nichts hast du erreicht. Deine Schwester hat sich von dir abgewandt und du verprügelst eine wehrlose Frau.“, krächzte Cato.  Er versuchte die Hand nach Amira auszustecken, aber die Kette ließ es nicht zu.

Minos verschwand nach draußen. In seinem Denken glich er nunmehr einem Tier, das rasend war und seine Instinkte tobten ohne Schranken, ohne Sinn und Verstand. Wie ein Larl der weiß, dass es zu Ende geht. Elaine war fort. Seine Sippe war unerreichbar. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Der Hass hatte ihn von innen zerfressen und nichts von dem, das er einst gewesen war, war übrig geblieben. Ein Rence Bauer mit Ehre. Er hatte sich gerächt, aber der Preis war hoch gewesen. Draußen starrte er in den Sumpf. Ein paar auffliegende Vögel verrieten ihm, dass Bewegung im Rence war.  Sie kamen.

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Ihm war völlig klar, dass sie kommen würden. Er hatte sich keine Mühe gegeben die Spuren zu verwischen, als er mit Amira durch den Wald lief. Passang um Passang zurück ins Delta, wo er Cato gefesselt zurückgelassen hatte um Amira zu holen. Er hatte die Ahn des Triumphs erlebt, als er sich tief in sie versenkt hatte. Und nun war die Ahn gekommen, in der er fallen würde. Er war allein.

Er zog einen Bogen aus den Köcher und machte sich bereit.

Amira kroch unter Schmerzen auf Cato zu und legte ihren Kopf auf seinen Schoß. Jeder Atemzug war eine Qual. Sie röchelte leise. Minos war irgendwo da draußen. Vielleicht würde er sterben. Dann würden sie auch sterben. Vielleicht würde er zurückkommen, aber auch dann war ihnen der Tod sicher. Sie schloss die Augen und wurde wieder bewusstlos.

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Die Rufe von Männern weckten sie. Die Geräusche kamen näher. Sofort leuchtete ein Hoffnungsschimmer in Amiras Augen auf. Sie hob den Kopf und kroch Richtung Tür, soweit es die Kette um ihren Hals zuließ. Dann erschien eine Gestalt im Eingang der Hütte. Sie trug einen roten Rock und sie erkannte den Mann am Schild, das er trug.

„Admiral!“ stieß sie hervor und mit einem Mal begriff sie, dass sie nicht sterben würden. Man hatte sie gefunden.

Der Rarius befreite zuerst Amira. „Tal Prätor. Zeit nach Hause zu gehen, denkt ihr nicht?“

„Cato“, stieß sie hervor, „es geht ihm schlecht, wir müssen ihn so schnell wie möglich zu Lady Jean schaffen. Er ist fast verhungert und verdurstet.“ Erst jetzt bemerkte sie, dass der Admiral im Gesicht blutete. Aber unter dem Helm konnte sie nicht erkennen, wie schlimm es stand. Er befreite Cato vom Pfahl und versuchte ihn zu wecken.

„Wo ist der Rencer, ist er tot?“ fragte Amira mit zusammengepressten Zähnen, als sie Cato bewusstlos auf eines der Felle hoben um ihn transportieren zu können.

„So tot wie man nur sein kann, wenn einem mein Gladius ins Herz gestoßen wird, Prätor“, sagte der Admiral. Amira ging nach draußen. Sie wollten mit einem der Flöße der Rencer durch den Sumpf hinaus zurück über einen Seitenarm des Vosk nach Turmus.

Minos lag nicht weit von der Hütte entfernt auf dem Rücken. In seiner Brust klaffte eine offene Wunde, die Amira bis in sein Innerstes blicken ließ. In seinen Augen war kein Leben mehr. Amira konnte die vorüberziehenden Wolken sehen, die sich in seinem toten Blick spiegelten. Neben ihm lag sein Bogen und auf seinen Lippen war das Lächeln eines Wahnsinnigen zur Maske erstarrt.

Sie richtete sich auf und trat auf den Langbogen.

Ein Knacksen war zu hören.

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Comments
6 Responses to “Das Ende der Reise – Wolken ziehen vorbei in blicklosen Augen”
  1. Isabell sagt:

    *Hebt den Finger nach Sandorart* Ich hatte es ihm gesagt wie es Enden wird mit ihm als ich mit ihm verhandelns sollte. Aber wie sagte schon Wilhelm Busch „Wehe wehe wen ich auf das Ende sehe“ *Klugscheißermodus aus*
    HA das war spannend bis zum Schluss, großartig ihr drei 🙂

  2. Kendrick McMillan sagt:

    Eine absolut geniale Story, meinen tiefsten Respekt, sau spannend und hat richtig Spaß gemacht das zu lesen (wenn man sowas liest vermißt man Gor doch irgendwie auf die ein oder andere Art).

    • neanarstrom sagt:

      Vielleicht animieren solche Stories ja den einen oder anderen zur Rückkehr nach Gegenerde. Und wenn es nur gelegentlich ist.
      Das Setting mag mit Gor nicht das Optimale sein. Aber es kommt wie bei allem drauf an, was man draus macht.
      Solange man sich von den goreanischen Stereotypen nicht lähmen lässt, bietet Gegenerde durchaus Raum für spannende Geschichten, finde ich. Und gerade im Bruch mit den Stereotypen von Norman, dort entstehen die guten Geschichten. So ist es in den Büchern übrigens auch. Es gibt ein Ideal. Und in der Abweichung vom Ideal entspinnt sich dann erst eine spannende Geschichte.

  3. kennelmistress1 sagt:

    Und ohne Ideal würde die Abweichung nicht auffallen. Alles hat seine Zeit und seinen Platz und das läuft super bei euch.

  4. Gerd sagt:

    Also mir hat der Plot auch richtig richtig spaß gemacht. Das einizge was ich mir dabei noch gewünscht hätte, wären mehr reale Spieler gewesen, bei eurer Befreiung und nicht nur eine Handvoll imaginäre Rarii und meine Wenigkeit.

    Aber es war spannend, bis zum letzten Zug und ich hoffe, dass uns Minos, als Spieler, noch erhalten bleibt. Er hat die Rolle super verkörpert und war wirklich eine harte Nuss, ihn zu jagen.

    Lange Rede, kurzer Sinn:

    Danke an alle die diesen Plot leben eingehaucht haben. Es ist der beste Plot bis jetzt, den ich auf Deutsch-GOR je erlebt habe. Und ein großen Dank an die Macher des Plots

  5. Mithrandriel sagt:

    Riesenkompliment an alle Protagonisten und sonstigen Mitwirkenden an diesem „Vulohaut-Plot“!
    Vor allem Dank und Anerkennung für die beiden Rencer, Minos und Elaine. Von Elaine, respekitve ihrem „Untermieter“ wird man bestimmt noch hören, mutmaße ich mal 🙂
    Und was „RL-Minos“ anbelangt wäre es toll, wenn auch hier der Kontakt mit Turmus erhalten bliebe.

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