In unseren dunkelsten Stunden

„Wo ist Vater?“

Die Stimme ihres Sohnes drang an ihr Ohr wie ein Klagelaut. Amira strich ihm über den Kopf und zog ihn an sich, während sie aus dem Palastfenster starrte mit Augen, die umschattet waren. Stille hing über der Stadt. Das Zentralfeuer ging bereits unter. Irgendwo da draußen war Cato, in der Gewalt eines rachsüchtigen, wahnsinnigen Rence Bauern. Dunkelheit legte sich über die Stadt, über den Fluss und über die Sümpfe.

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Er war da draußen. Allein. Amira spürte, wie sie erneut im Begriff war, den Tränen nachzugeben und die Fassung zu verlieren. Sie hatte keine Vorstellung davon besessen, wie tief der See an Tränen war, aus dessen Reservoir sie nun schöpfte. Ihre Gedanken sprangen wie ein ängstliches Tier hin und her und sie wusste nicht, welche Vorstellung sie mehr beängstigte. Cato da draußen allein in der Wildnis mit einem Wahnsinnigen. Oder der Gedanke, dass er vielleicht schon tot war. Und sein Leib dort draußen lag, kalt und verlassen. Dass sie ihn nie wieder in ihre Arme schließen würde.

Amira schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Nicht jetzt. Nicht wieder.

„Er ist ein paar Tage verreist, Laertes. Das kennst du doch schon.“ flüsterte sie, während die Stadt vor ihren tränenfeuchten Augen zu verschwimmen begann.

Vollmundig waren die Versprechen der Krieger gewesen, dass sie ihren Gefährten zurück bringen und die ganzen verdammten Rencer mit ihrem schwimmenden Lagern niederbrennen würden. Aber sie hatte auf die Gesichter hinter den Worten geblickt und in ihre Augen. In vielen zeigte sich die schiere Panik vor dem Delta. Viele hatten ihre Kameraden dort sterben sehen. Im Matsch. Von den Pfeilen der Rencer durchbohrt wie hilflose Kinder. Unter Wasser gerissen von Wesen, denen sie nie zuvor begegnet waren und bei lebendigem Leibe verschlungen.

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Amira war den ganzen Tag am Hafen gewesen, seit die Furcht zur Gewissheit geworden war. Die Rencer hatten sich keine Mühe gegeben ihre Tat zu verschleiern. Es hatte Drohungen gegeben. Isabell hatte versucht zu verhandeln. Amira hatte versucht die Maßnahmen zu Catos Rettung zu koordinieren, wie ein Sturm der wahnsinnigen Verzweiflung waren die Stunden über sie hinweggetobt. Ein fetter, alter Mann hatte vorgegeben, die Krieger in die Sümpfe zu den Rencern führen zu können und dafür 10 Silber und eine Kajira verlangt. Er hatte bekommen, was er wollte, aber niemand wusste, ob dem Mann zu trauen war. Sir Maru aus En-Kara hatte mit den Kriegern in der Brigade über Strategien gebrütet und Amira hatte Tarnflieger ausgesandt, um sich einen Eindruck aus der Luft zu verschaffen.

Der offizielle Besuch in Nadira war unaufschiebbar gewesen und Amira hatte ihre Sorge unter ihren Schleiern verborgen und war ihrer Pflicht nachgekommen, während ihre Gedanken um Cato kreisten. Er würde wollen, dass sie stark bleibt. Wie eine Beschwörung verinnerlichte sie diese Worte. Cato würde wollen, dass du stark bleibst. Du musst jetzt stark sein.

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Schließlich war sie erschöpft und unter schwerer Bewachung in den Palast gewankt. Der Sturm tobte weiter, aber sie befand sich in seinem Auge. Stille und von weit her das Rauschen des Wahnsinns. Verlassen lagen die prächtigen Palastgemächer vor ihr und ihre Schritte und die von Laertes hallten von den Wänden wieder. Kalt und nun noch kälter. Leblos.

Cato war allein da draußen. Was für Schmerzen mochte er leiden? Was taten sie ihm an? Ihr war als würde die dünne Eisdecke ihres Bewusstseins unter der glühenden Flut des Wahnsinns zerbrechen und in tausend Stücke springen.

Erst am Morgen würden die Krieger aufbrechen. Die Nacht über würde man nichts tun können.
Selbst das Licht der drei Monde konnte ihr die dunkelsten aller Stunde nicht erhellen.

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