It is not in the stars to hold our destiny but in ourselves.

Der Mann hatte im Schatten gestanden, den die Morgendämmerung zwischen Auktionsblock und Teehaus nicht ganz durchdringen konnte. Ein schwarzer Schatten, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und völlig reglos. Amira hatte zunächst Sir Rannug gebeten, der mit Meona im Teehaus gesessen und sich unterhalten hatte, den Mann zu fragen, ob man ihm behilflich sein könne oder was er da suche. In diesen Zeiten konnte man nie sicher sein, ob es nicht nur ein schwar gekleideter Fremder oder tatsächlich ein Killer war, der einem gegenüberstand.

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Als der Killer nach Amira verlangte, erschauerte sie und stellt die Teeschale ab, die sie gerade aufgenommen hatte. Sir Rannug hatte damit begonnen etwas Zeit schinden zu wollen, vermutlich damit Amira fliehen oder die Wachen rufen konnte, aber nichts davon kam ihr in den Sinn. Man lässt einen Assassinen nicht warten. Und hätte dieser hier es auf Amira abgesehen, dann läge sie vermutlich längst tot am Flussufer oder im Schatten der Stadtmauer. Obwohl sie bereits die bloße Anwesenheit des Mannes innerlich frösteln ließ, trat sie sofort vor die Tür des Teehauses, begrüßte den Mann mit einem seiner Kaste entsprechenden respektvollen „Tal Killer“ und bat ihn zum Gespräch in die Hafenmeisterei.

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Sein Anliegen war ungewöhnlich, aber durchdachte. Hatte doch Amira mindestens einen ebenso guten Grund besagten Verräter oder besagte Verräterin aufzuspüren wie der Auftraggeber des Killers. Er verschwand so plötzlich wie er gegangen war. Nur der Dolch, den er Amira dagelassen hatte, zeugte davon, dass sie nicht geträumt hatte. Ebenso die Kerbe, die sein Dolch in ihrem kostbaren Tisch hinterlassen hatte, als der Mann ihn dort hineingestoßen hatte. Mit zitternden Händen verschloss Amira die Waffe in ihrem Schreibtisch und schob dann ein Buch über die die von der unheimlichen Begegnung zeugenden Spur darüber.

Sie würde sich mit Cato darüber beraten müssen. Nach ihrer Rückkehr aus Kasra hatte sie Isabell in einem Gespräch mit einer schwarzgekleideten, vermummten Frau vorgefunden, die sofort das Weite gesucht hatte, als sie mit den beiden Kriegern Sir Gerd und Ruan vom Schiff gestiegen war. Konnte das die Person sein, die der Killer suchte? Noch war es zu früh, darüber zu mutmaßen. Und noch war es zu früh, darüber zu entscheiden, wie sie vorgehen sollten. Fast schien es Amira ein Wink des Schicksals zu sein, dass ein Schatten nach Turmus gekommen war, just in diesem Moment, wo sie selbst auf die Suche nach einem Kontakt zur Kaste der Assassinen hatte gehen wollen. Cato mochte noch zögern, aber sie versuchte die Schwächen aus ihrem Herzen auszumerzen und ihren gemeinsamen Plan zielstrebig in die Tat umzusetzen.

***

Den Mann, den Cato und Amira in ihren finsteren Plänen bedacht hatten, erwartete sie noch am Abend im Palast zum Heimsteinschwur. Sir Gerd war den Tag über nicht von ihrer Seite gewichen und hatte jeden Fremden im Hafen argwöhnisch beobachtet. Amira hatte ihre schönste und schwerste Robe angelegt und traf vor ihrem Haus auf Isabell, die unbedingt dem Administrator vorgestellt zu werden wünschte. Auch sie hatte sich heute viel Mühe mit ihrer äußeren Erscheinung gegeben. Zu gegebener Zeit machten sie sich auf den Weg Richtung Stadttor und von dort aus an den Aufstieg zum Palast, der an einem erhöhten Punkt in der Stadt erbaut worden war. Die Wachen waren offenbar informiert und ließen sie passieren. Zwei massive Flügeltüren mit kostbaren Schnitzereien öffneten sich vor ihnen und gaben den Blick frei auf die dahinter liegende Halle. Niemals zuvor hatte Amira so etwas Schlichtes und doch Schönes gesehen. Edelste Baumaterialien, stimmig in Szene gesetzt durch die schlichte Weglassung von teurem, aber geschmacklosem Tand, ließen ihre Schritte und das Rascheln der Roben lauter erscheinen und erfüllten ihr Herz mit Ehrfurcht. Durch zwei weitere Flügeltüren hindurch konnte man von der dunklen Vorhalle aus  in das von Feuerschalen erleuchtete und überdacht Atrium sehen, in dem für den heutigen Tag der Heimstein von Turmus ruhte – gut bewacht von den anwesenden Kriegern. Er ruhte auf einer Platte aus reinem Gold, aber dennoch war es der schlichte, leicht unregelmäßige rechteckige Stein, der tausendmal wertvoller war, als jedes Vermögen, das in der Stadt aufzufinden war.

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Das Herz von Turmus lag direkt vor ihr.  Amira spürte wie ihr Herz heftig zu pochen begann.

Auch die anderen Gäste trafen nach und nach im Palast ein. Schließlich trat der Administrator zu ihnen und bat sie ins Atrium zu kommen. Nur Amira jedoch war es erlaubt, in das leicht abgesenkte Rechteck zu treten, das den inneren Bereich markierte, in dessen Mitte sich das befand, auf dem nun die Augen aller Anwesenden lagen.

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Der Administrator erhob die Stimme, nachdem das erwartungsvolle Getuschel verklungen und jeder einen Platz gefunden hatte. Amiras Augen lagen abwechselnd auf dem Heimstein und auf dem Mann, der mit seinen Worten keinen Zweifel darüber ließ, welcher Kaste er angehörte. Nie zuvor hatte Amira beobachtet, wie ein Stadtoberhaupt mit Worten die Herzen der Anwesenden ergreifen und zugleich punktgenau die Bedeutung des heutigen Schwurs verdeutlichen konnte. In ihrem eigenen Herzen regte sich mehr als ein Funken Zuneigung zu dem Mann. Und dennoch. Rasch vergegenwärtigte sie sich, dass es Cato war, dem ihre uneingeschränkte Loyalität galt.

Die Wortes des Eides nachzusprechen, fiel ihr nicht schwer. Nach der Entführung Isabells nach Lydius und dem was sie von dort berichtet hatte, gab es für Amira kein Heim mehr dort. Angst und Schrecken, Misstrauen und Zwietracht. Eine von einem wahnhaften Sklavenhändler regierte Stadt, die längst jedes Maß verloren hatte und deren Bewohner kaum in der Lage waren, sich der Schreckensherrschaft entgegen zu stellen.

Nachdem der Administrator sie Brot und Salz hatte kosten lassen, ließ er sie hinkien, wie es Freie vor dem Heimstein tun, die Feuerschale ruhte in ihrer linken Hand, während die rechte Hand nun auf dem Heimstein lag. Eine unglaubliche Erregung ergriff sie, als sie den Steinsockel berührte. Als die letzten Worte des Schwurs auf ihren Lippen verklungen waren, gab der Administrator ihr das Zeichen sich wieder zu erheben. Die Zeit für ein paar freie Worte an ihren Heimstein waren gekommen.

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Amira con Turmus!

Sie hatte über ihre Worte lange nachgedacht und sprach sie nun laut und deutlich. Sie gedachte ihrer Vergangenheit, ihrer Heimat Ko-ro-ba, dem moralisch und sittlich verfallenen Lydius, dessen Heimstein sie heute entsagt hatte, vor allem aber ihrer Zukunft in Turmus. Es war eine Vertiefung des Schwurs, den sie soeben nachgesprochen hatte und den sie nun mit einem raschen Schnitt mittels eines spitzen Dolches in ihre Handfläche besiegelte. Ihr Blut verband sich mit dem Heimstein.

Der Applaus der Anwesenden erfüllte das Atrium. Sie war nun eine Bürgerin der Stadt Turmus. Der Administrator ahnte nicht, wie ernst es Cato und Amira damit war, der Stadt mit allen Kräften und in der Ausschöpfung ihrer Möglichkeiten zu dienen. Gerade als Amira die Anwesenden auf den Festplatz am Flussufer einladen wollte, trat Sir Gerd hervor und bat um einen Moment der Aufmerksamkeit.

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Überraschtest Erstaunen trat auf die Gesichter. Selbst im Gesicht des Administrators glaubte Amira einen Hauch von Unsicherheit zu erkennen, als der schmächtige,  aber nicht zu unterschätzende Krieger nun vortrat und den Administrator bat, näher an den Heimstein treten zu dürfen. Die Wache zuckte kurz, als Sir Gerd in seinen Beutel griff.

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Niemand hatte mit dem gerechnet, was nun geschah. Der Krieger, der aus dem untergegangen Talbot stammte und einen Teil des Heimsteins von dort immer mit sich trug, bat nun mit wenigen Worten darum, seinen Heimstein zu dem von Turmus legen zu dürfen. Amira lächelte dem Krieger zu, während sich einen Träne aus ihrem Augen den Weg bahnte, ihr sanft über die Wange strich und unter dem dunklen Blau ihrers Schleiers verschwand. Der heutige Abend würde nun zwei Menschen mit Turmus verbinden.

Der Administrator nickte und gestatte den Vollzug dieser Handlung.  Erneut erhob sich zustimmender Applaus im Atrium und nach den üblichen Glückwünschen in der Palasthalle zogen die zur Feier eingeladenen Richtung Flussufer, wo Tara, die zur Zeit unter Strafe stehende Kajira von Sir Rannug, bereits allerlei Köstlichkeiten vorbereitet hatte.

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Unter dem Schutz der großen Bäume machte man es sich gemütlich, behaglich gewärmt von farbenfrohen Teppichen und Kissen. Es wurde viel erzählt und gelacht. Amira berührte zaghaft Catos Arm, als dieser neben ihr Platz nahm. „Ich bin glücklich, Cato con Turmus!“ flüsterte sie leise.

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