Ein Haus wie eine Festung

Obwohl Belnend und Turmus nur eine Tagesreise voneinander entfernt lagen, war Amira froh die Schiffsplanken verlassen zu können und wieder festen Boden unter den Füße zu haben. Die Nachtstunden waren unbequem gewesen, hatten die Zwillinge in ihrem Bauch doch die ungewohnte Umgebung offenbar gespürt und sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Einzig Laertes war nur beim Einschlafen quengelig gewesen und hatte den Rest der Fahrt den Vosk entlang Richtung Delta schlicht verschlafen. Wenn ihm langweilig wurde, zog er es meist vor die Zeit schlafend zu verbringen, zumindest wenn man ihm glaubhaft klar gemacht hatte, dass es unter Deck bei den anderen Reisenden nichts weiter für ihn zu erkunden gab.

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Amira war als Hochkastige eine der ersten, die das Schiff verlassen konnten, während die weniger gut gestellten Reisenden noch in der stickigen Luft unter Deck ausharren mussten. Argwöhnisch überwachte sie die Gepäckentladung, war doch immerhin fast ihr ganzer Hausstand in gut vernagelten Kisten. Zudem hatte sie noch kein Idee, wo sie hin musste und hoffte, dass Cato bald auftauchen und sie abholen würde. Es konnte nur wenige Ehn dauern, bis die Ankunft des Schiffes sich am Hafen herumgesprochen hatte. Sie sollte Recht behalten. Bald schon nahm sie Catos blaue Tunika wahr, die sich über den Pier der Anlegestelle näherte. Ihr Herz pochte heftig, wie immer, wenn sie sich ein paar Tage nicht gesehen hatten. Dennoch forderte der Anstand eine Begrüßung ohne Körperkontakt und Cato war kein Mann, der ausgerechnet in Turmus gegen die Konventionen verstoßen würde. Überhaupt schien er nach den Verwicklungen ihrer anfänglichen Beziehung zueinander noch stärker an den Traditionen festzuhalten als noch zuvor. Es war als lebten sie beide in Angst davor, die Priesterkönige ein zweites Mal zu fordern, indem sie sich in erneute Schwierigkeiten brachten. Also berührten sich nur kurz ihre Hände und sie erhaschte einen Hauch seines Geruchs, als er sich seinem Sohn näherte und ihn voller Vaterstolz kurz an sich drückte.

Zu Amiras Überraschung brachte er sie nicht gleich nach Hause. Er gab den Sklaven am Hafen ein paar Anweisungen bezüglich des Gepäcks und führte sie dann am Pier entlang Richtung Schmiede und Heilerei, wo sich zwischen den Gebäuden der Zugang zur Festung der Delka-Brigade befand. Nur über eine Brücke zu erreichen. „Rarius Gerd ist hier, Amira. Er ist bereits in die Kaserne gezogen.“

Amira sah Cato überrascht an. Der Krieger mit Heimstein Talbot, das prächtige, untergegangene Talbot, war in der letzten Hand nach Belnend gekommen und hatte Kontakt zu Del-ka gesucht. Offenbar hatte ihn die Nachricht des Widerstands in Nadira erreicht. Seine Eingliederung in die Brigade war überraschend schnell gegangen. Ein Mann von Ehre, auf der Suche nach neuen Herausforderungen und den Traditionen so verhaftet, wie man es für Del-ka sein musste. Ein Krieger, der seinen eigenen Kodex hoch hielt.
Obwohl der Rarius äußerlich kleiner und schmächtiger war als die Krieger, die Amira bisher kennen gelernt hatte, strahlte er einen innere Ruhe aus, die sie als angenehm empfand. Nur in seinen Augen lag ein Ausdruck von Schmerz, der aus seinem Inneren zu entspringen schien. Es sind die Menschen mit Vergangenheit, die trotz aller Rückschläge aufstehen und weitergehen, die in uns das Bedürfnis auslösen ihnen zu vertrauen.

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Den Grund für den Schmerz des Rarius sollte Amira noch an diesem Abend erfahren. Cato führte sie zum Tisch vor der Hafentaverne – in Ermangelung eines besseren Ortes für eine hochkastige Frau. Die Kajira musste sich auf Geheiß ihres Gefährten bedecken, bevor sie aus der Taverne nach draußen trat um sie zu bedienen. Amira war nicht die einzige anwesenden freie Frau. Eine Heilerin hatte sich zu ihnen gesellt, offenbar war sie mit dem gleichen Schiff gereist und nach Turmus gekommen, weil die Heilerstelle am Hafen als vakant galt.

Rarius Gerd jedenfalls stellte sich als der Gefährte von Lady Opalja heraus, die damals in Lydius von Nordmännern entführt und verschleppt worden war. Er hatte nicht geahnt, dass sie lebte! Amira lächelte. Die Priesterkönige hatten wie so oft zwei Fäden wieder zueinandergeführt, die sich möglicherweise wieder verbinden ließen. Aber zuerst musste man herausfinden, ob die Lady an einem Wiedersehen ein Interesse hatte. Immerhin hatte sie es ihrerseits vorgezogen, bei ihrer Familie weiterhin als tot zu gelten. Amira nahm sich vor, das später mit Cato zu besprechen, wenn sie allein waren.

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Vorerst aber war ihr Gefährte beschäftigt und zeigte der Heilerin mit dem roten Haar und den sehr üppigen Brüsten ihre mögliche Wohn- und Wirkungsstätte. Der Krieger gab sein bestes sie währenddessen zu unterhalten, so dass Amira das Warten nicht allzu schwer fiel, besonders da das Essen wirklich ausgezeichnet war. Als Cato zurückkahm, entnahm Amira bereits seinem zufriedenen Gesicht, dass der Hafen eine neue Heilerin hatte. Erleichterung erfasste sie. Eine Zwillingsgeburt war nicht ohne Risiken und die errechnete Geburtsstunde rückte langsam, aber unaufhaltsam näher. Bis die Heilerin das Haus eingerichtet hatte, würde sie in der Herberge untergebracht werden und Amira bot ihr auch gleich die Hilfe von Greta an, solange sie noch keine eigene Kajira hatte.

Es wurde spät, bis Cato sie durch den dunklen Hafen nach Hause führte. Das Haus lag in einer Ecke zwischen dem Haus des Sklavenhändlers und dem der Baumeisterin. Amira hatte es zunächst im Dunkeln nicht erkannt. Der Schein der Fackeln war kaum ein Licht in die Gasse und ließ das Blau der Schreiberbanner fremdartig wirken. Vor allem aber wunderte sie sich über die eiserne Falltür, die den Innenhof vom geschäftigen Hafentreiben trennte. Mit einem lauten Rasseln reagierte der Mechanismus auf den großen und gewichtigen Schlüssel und das Gitter glitt empor um auf die selbe Art und Weise hinter ihnen wieder versenkt zu werden. Links am Eingang befand sich ein Kennel für Gefangene. Das Haus selbst war um den geräumigen Innenhof herum gebaut und zweistöckig. Unten befanden sich die offiziellen Räume des Hafenprätors. Oben der private Bereich der Familie mit einer weitläufigen Terrasse, von der aus man den Hafen gut überblicken konnte.

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