Besuch aus Lydius

Amira warf ihrem schlafenden Sohn einen letzten Blick zu und gab Greta ein Zeichen auf ihn zu achten, während sie sich in die Stadt begab. Cato war wieder verreist und ihr fiel gelegentlich die Decke auf den Kopf. Außerdem stand die Buchhaltungsprüfung beim Feinschmied noch aus, mit der der Kommandant sie beaufragt hatte. Auch in Belnend zahlte niemand gern seine Steuern. Sie war auch gespannt auf den Auftrag, den der Mann für sie ausgeführt hatte und der in der Anfertigung von 10 Schmuckstücken besonderer Art bestand: Feingeschmiedete Eulen mit zartem Ornament-Gefieder und leuchtenden Augen aus Edelsteinen. Natürlich war dem Feinschmied nicht klar, warum Amira zehn dieser außergewöhnlichen Stücke benötigte, aber er war ein Mann, der es verstand im richtigen Moment nicht nachzufragen. Eine Eigenschaft, die Amira sehr an ihm schätzte.

Vor dem Haus nahm Amira eine dunkel gekleidete Gestalt war, die die Tafel an der Hauswand studierte, auf der Cato und sie ihre Dienste als Schriftgelehrte darlegten. Erst als der Mann den Kopf drehte, erkannte sie Kreto, den Wirt aus Lydius, der in Belnend war um seine Kajira abzuholen. Voller Vertrauen auf das Fingerspitzengefühl des Kommandanten ging sie davon aus, dass der Wirt keine Bedrohung für sie oder ihren Sohn Laertes darstellte, wenn er als Gast in Belnend weilte und seine Kajira hier in Obhut gab – selbst wenn er Gar kannte und aus Lydius kam. Sie grüßte den Mann und stellt sich vor. Schnell entspann sich ein Gespräch, das über den Brand des lydischen Teehauses rasch zu den Händlern von Lydius führte. Amira hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, doch bevor der Wirt – seines Zeichens auch Sklavenhändler, was Amira sehr wohl bewusst war – zu einer Reaktion kommen konnte, trat der Kommandant hinzu.

Nach einigen freundlichen Worten ließ Amira die beiden Männer allein, da man auf Lady Alja zu sprechen kam. Amira wusste, dass Alja ihr nicht vertraute. Eine Art Spannung war zwischen beiden Frauen geblieben und trotz aller Dankbarkeit darüber, was Alja für Laertes getan hatte, nagten Aljas Vorwürfe an Amira. In jedem Fall waren ihre Ohren ganz und gar ungeeignet etwas über Aljas streng gehütete Geheimnisse zu erfahren. Ihr Gefühl sagte ihr, je weniger sie wusste, desto besser. Also machte sich sich auf den Weg zur Herberge, wo um diese Zeit gewöhlich viel Volk versammelt war und man die letzten Neuigkeiten aufschnappen konnte.

Gerade als Amira der Kajira Marthy die heiße Milch mit Honig aus den Händen genommen hatte, näherte sich vom Tor aus ein Krieger samt Sklavin. Noch bevor das blonde Haar seine volle Leuchkraft entfalten konnte, hatte Amira ihn bereits an seinem unnachahmlich forschen und selbstbewussten Schritt erkannt: Es handelte sich um niemand geringeren als Sir Tharkan con Lydius.
Sir Tharkan, der damals auf ihrer Seite gewesen war beim Kampf gegen die Okkupation ihrers Heimsteins durch Gars Mätresse Morgaine con Treve. Der einzige der lydischen Rotkastigen, die sich als ehrenhaft bewiesen und von Gar in den Kennel geworfen worden war. Sir Tharkan, der das Schandmal gestürzt und ihr seinerzeit beim Heimsteinschwur zugesehen hatte. Amira hoffte inständig, dass er nicht im Auftrag von Gar gekommen war. Sie wartete einen Moment und beobachtete, wie der altgediente Rarius einem jüngeren Krieger aus Belnend einige Ratschläge gab und rief dann erst rüber „Tal, Sir Tharkan. Eine Freude euch wiederzusehen!“

Tharkan stutzte. „Amira? Du?“

Sie lachte. „Höchstselbst, ich bin es. Und ich hoffe, du bist nicht im Auftrag von Gar hier.“

Nun war es an ihm zu lachen. „Soviele Münzen hat Gar nicht, Amira“.

Sie nickte zufrieden und trank weiter ihre Milch. Es war viel los in der Herberge. Eine Lady aus Kassau, die Begleitung nach Jorts Fähre suchte. Eine merkwürdige Frau in Hosen, die nach Amiras Ansicht schwer nach einer Gesetzlosen aussah, die sich in die Stadt geschlichen hatte. Die Wirtin. Später dann Bo und Kreto. Irgendwann wurde es Amira zu unruhig und sie machte sich auf den Heimweg.

Noch hatte sie nichts von Sir Harkon con Ko-ro-ba gehört. Aber selbst wenn ein Mann oder eine Frau von Exzellenz würde eine Weile brauchen um die Verschlüsselung zu entwirren. Bislang gab es keine Nachricht von Sir Dorian con Kasra. Amira würde Nachforschungen anstellen müssen, denn auch der Bote war nicht mehr aufgekreuzt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: