Auf der Jagd

Amira konnte durch die Blätter hindurch das Tabuk gut sehen. Das Tier hatte den gehörnten Kopf gesenkt und graste auf einer Lichtung. Offenbar stand der Wind günstig und seine Witterung hatte noch nicht Alarm geschlagen. „Es ist deins, meine Gefährtin!“ Sie hörte Catos Flüstern direkt an ihrem Ohr, nahm den Bogen vom Rücken und legte einen Pfeil ein. Dann hob sie die Waffe und spannte unter Aufbietung ihrer Kräfte die Bogensehne. Sie wollte treffen und zwar so, dass das Tier nicht unnötig leiden musste. Sie zitterte leicht. In dem Moment als die Pfeilspitze sich über die vordere Flanke des Tieres schob, konzentrierte sie sich noch einmal, versuchte das Zittern unter Kontrolle zu bringen und entließ den Pfeil dann von der Sehne. Ein leises Sirren war zu hören, bevor das Tier zur Seite stürzte. Getroffen!

Amira ließ den Bogen zurück auf ihren Rücken gleiten und bahnte sich aufgeregt ihren Weg durch das Gebüsch, das sie vor den aufmerksamen Augen des Tabuk verborgen hatte. Cato folgte ihr. Er trug seine Armbrust bei sich und sah mit verschränkten Augen zu, wie Amira sich über das sterbende Tier beugte. „Davon werden wir einige Zeit essen“, prognostizierte er schmunzelnd, bevor er seinen Dolch zog und dem Tier die Kehle öffnete.

Amira sah ihm zu und ihre Gesichtsfarbe verlor sich etwas im Angesicht ihrer erfolgreichen Jagd. „Hättest du es bei einer Jägerin auch gekonnt, meine Gefährtin?“, fragte Cato und blickte sie ernst an. Eine schwere Frage. „Ich weiß es nicht, Cato. Wenn Du in Gefahr wärst oder Laertes, dann sicherlich. Aber es ist kein gutes Gefühl, das Töten. Ich bin eine Frau, kein Krieger.“ Cato nickte. „Und du wirst den Bogen nur im Verteidigungsfall einsetzen oder wenn ich Dich mit auf die Jagd nehme. Hörst du?“ Sie nickte.

Die Zeit der Bewaffnung hatte begonnen. Belnend war eine Stadt weit oben im Norden, ähnlich wie Lydius. Durch den Wald, der die Stadt großflächig umgab, kam es oft zu Angriffen und Belagerungen. Jägerinnen fanden häufig ihren Weg nach Belnend, auf der Suche nach Nahrung, stehlbaren Gütern oder vermögenden Menschen, für deren Freilassung sich große Summen erpressen ließen. Erst kürzlich waren sie beide sogar aus der Stadt geraubt und verschleppt worden. Nun gab es neue, beunruhigende Gerüchte in der Stadt. Eine Gruppe von Gesetzlosen hatte einen Teil des Waldes okkupiert und verbreitete im Umland Angst und Schrecken. Yaelle hatte mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg gehalten, dass Meona Teil der Gruppe geworden war. Die zarte, kleine Meona.

Nachdem sie das Tabuk nach Hause gebracht hatte, säuberte Amira ihren Pfeil und verstaute den Bogen wieder unter dem Bett. Den Dolch behielt sie an ihren Oberschenkel geschnallt, auch unter den Roben. Im Ernstfall wollte sie nicht wehrlos sein. Als Cato eingenickt war, machte sie sich auf den Weg in die Stadt. Laertes quietschte vergnügt auf dem Fell und spielte mit den Holzwürfeln, während Greta dabei war, die erste Keule des Tabuk zuzubereiten. Amira trug noch ihre Stiefel und unter der knielangen dunkelblauen Jagdtunika schwarze Hosen. Nichts Ungewöhnliches in Belnend, wenngleich man sie überwiegend noch in den traditionellen Gewändern einer Schriftgelehrten antraf. Sie hatte Lust auf etwas Gesellschaft und steuerte auf die Schänke zu. Es dauerte einen Moment, bis sie den Mann erkannte, der offenbar eine kleine Auseinandersetzung mit Yaelle hatte, die jetzt zur Wirtin avanciert war. Tekko! Tekko, der Schmied aus Hochburg.

Offenbar hatte auch er Hochburg verlassen und brachte frohe Kunde mit: Sir Connor und Lady Narin ging es gut. Sie erwarteten ein Baby und hatten Zuflucht in der Oase von Klima gefunden, bei Connors altem Freund, dem Pascha. Auch Tekko war nun in der sandigen Hitze der Tahari zuhause und ging dort seinem Handwerk nach. Amiras Nachricht war angekommen, hatte den Pascha aber in einer Zeit der Not und der Katastrophen erreicht, so dass noch keine Zeit gewesen war, darauf zu reagieren.

Amira lud ihn in Catos und ihr Heim ein und ließ Greta ordentlich auftischen. Der Schmied wirkte fast wie ein Verhungernder, als er sich über das Essen hermachte und auch seinen Sklaven kosten ließ. Tatsächlich hatte die Oase von Klima schwere Zeiten hinter sich. Die seltenen Regenfälle der Tahari hatten die Senke, in der die Oase sich befand, offenbar vollkommen überflutet. Häuser wurden zerstört und kostbare Nahrungsmittel verdarben. Die Menschen litten Hunger und viele waren ohne ein schützendes Dach über den Kopf den Regenfällen ausgesetzt gewesen. Aber nun kehrte allmählich wieder Normalität ein. Und die Wüste erblühte in den schillerndsten Farben. Ein Naturschauspiel, das nur wenige Menschen je zu sehen bekamen.

Nach dem Essen zog Tekko sich in den Anbau zurück, den Greta für den Gast hergerichtet hatte. Die Reise war anstrengend gewesen und die Zeit zuvor in Klima hatte offenbar an seinen Kräften gezehrt. Außerdem hatte Amira erfahren, dass Tekko nicht uneingeweiht war was die Angelegenheiten von del-ka betraf. Nachdem der Schmied den Raum verlassen hatte, begab sich Cato in den Schaukelstuhl und erklärte Amira, welche Aufgabe er für Tekko angedacht hatte. Sie nickte und warf ihrem Gefährten eine Blick voller Bewunderung zu. Cato verfügte über großen Weitblick und sah Möglichkeiten, die ihr Verstand noch nicht erfasst hatte. Sie vertraute ihm, aber noch mehr vertraute sie seinen strategischen Fähigkeiten. Gerade als Amira sich verführerisch auf dem Fell niederließ und den Schleier fallen ließ, klopfte es an der Tür.

Amira legte rasch den Schleier wieder an, während Cato zur Tür ging um zu öffnen. Es war Meona! Und doch nicht Meona. Die Frau trug Hosen und ein Oberteil, das keinen der weiblichen Reize in Verborgenheit hielt. Sie war bewaffnet und an ihrem Gürtel baumelten ein Totenkopf und andere Knochenteile. Cato war ebenso überrascht wie Amira über dieses bizarre Geschöpf, das doch Meonas Gesicht trug und mit ihrer Stimme sprach. Sie habe nun ihre Familie gefunden und sie seien dabei im Wald ein Lager aufzubauen. Und ob Cato und Amira sie nicht einmal besuchen kommen wollten…  Amira brauchte nur wenige Ihn um zu begreifen, dass Yaelle richtig gelegen hatte. Meona hatte sich den Gesetzlosen angeschlossen, die im Wald hausten. Cato Blick verfinsterte sich und er machte keinen Hehl daraus, was von solchem Gesindel zu halten war. Er teilt dies auch  Meona mit und vor allem wies er sie darauf hin, was für Konsequenzen es hatte, sich eine solche „Familie“ zu suchen. Amira versuchte Meona zu erklären, dass es völlig absurd sei, dass zwei Schriftgelehrte in ein Lager von Gesetzlosen zu Besuch kommen. Gesetzlose überfielen eben solche   – Reisende und Bürger, sie stehlen, rauben und brandschatzen. Meona war empört und versicherte, dass ihre Familie zwischen Freunden und Feinden unterscheiden konnte. Allerdings vermochte sie die Kriterien dieser Unterscheidung nicht zu benennen, als Amira fragte. So gern Amira auch Meona in den Arm genommen hätte, es war als trenne sie nun eine unsichtbare Wand voneinander. Es war nicht auszuschließen, dass die Gesetzlosen die junge Frau geschickt hatten, um zwei Stadtbwohner in eine Falle zu locken. Gesetzlosen zu trauen war leichtsinnig. Und Meona gehörte nun zu ihnen.

Meona spürte die Wand ebenso wie Amira. Aber anders als sie reagierte sie mit aggressiver Empörung und ging von dannen. Sie konnte nicht begreifen, dass ein Leben als Gesetzlose den freundschaftlichen Kontakt mit den Bewohnern goreanischer Städte so gut wie unmöglich machte. Nach diesem Schock brauchte Amira erst einmal Trost von Cato. Die Entspanntheit der vorigen Ahn war wieder verflogen. An diesem Abend schlossen sie zum ersten Mal über Nacht die Gitter in ihren Fenstern.

Die Reise zu Lady Alja stand bevor. Um die Lücke zu schließen, die in Laertes Papieren prangte. Der letzte Schritt um den Kreis zu schließen und ihr Glück zu besiegeln.

Advertisements
Comments
3 Responses to “Auf der Jagd”
  1. Cori Panthar sagt:

    Schöner Bericht, tolle Bilder. Welchen Viewer benutzt Du?

Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] nicht lang allein. Besuch aus Belnend traf ein und Amira traute zunächst ihren Augen nicht. Es war Meona in Begleitung von Sir Rannug. Meona, die einst in Belnend friedlich als Met-Brauerin gelebt hatte […]



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: