Besuch von Yaelle

Catos Geschenk gefiel Amira. Sie saß nun morgens, während Greta in der Stadt unterwegs war um Wäsche zu waschen und Einkäufe zu erledigen, in dem gemütlichen Schaukelstuhl vor dem Kamin und hielt Laertes in ihren Armen. Es waren die Ahn des Tages, die ganz ihrem Sohn und ihr allein gehörten. Die Flammen des Feuers wärmten nicht nur, sie warfen auch ein angenehmes Licht auf die Züge des Kindes, die runden Pausbacken, die vorwitzige Nase, die zarten Lippen und das schimmernden, dunkle Haar. In diesen Momenten versuchte Amira sich oft an die Geburt zu erinnern, aber obwohl sie aus Erzählungen wusste, was vor sich gegangen war, konnte sie in ihrem Kopf keine Bilder dazu finden. Sie hatte Laertes zur Welt gebracht, aber die Erinnerungen waren ihr wohl für immer genommen. Amira wollte so schnell wie möglich noch ein Kind. Mit jedem Blick auf Laertes wurde ihr klar, wie sehr sie dieses Glück herbeigesehnt hatte. Cato hatte zugestimmt. Seit Tagen hoffte Amira die Heilerin anzutreffen um sich mit ihr zu besprechen, ob einer zweiten Geburt so kurz nach der ersten nichts entgegenstünde.

Dies waren die Gedanken, die Amira durch den Kopf gingen, während sie ihren Sohn auf dem Schoß hielt und sanft vor und zurück schaukelte. Das Holz knarrte leise mit jeder Vorwärtsbewegung und ihr war gar nicht bewusst, dass sie ein Lied summte, während sie ihren Gedanken nachhing. Bis es an der Tür klopfte. Amira hob verwundert den Kopf. Um diese Zeit kam selten jemand zu Besuch. Sie war allein zu Hause. Cato war wieder unterwegs in Dingen, über die er mit ihr nicht sprach. Eine Tatsache, die sie leicht beunruhigte. Sie ahnte, dass es mit del-ka zu tun haben musste.

„Wer ist da?“, rief sie laut genug, dass man es vor der Tür hören konnte.

„Ich bin’s, Yaelle“, lautete die Antwort.

Amira schmunzelte. Yaelle war die Pagadrossel von neulich, man wurde nicht recht schlau aus ihr. Es war, als würde sie ständig Geheimnisse mit sich herumtragen, die ans Licht drängten, aber nicht durften. Nichtmal im Vollrausch.

„Dreh am Knauf, die Tür ist offen.“

Amira erhob sich als Yaelle ins Haus trat und bot ihr einen der gepolsterten Hocker zum Sitzen an. Trinken wollte sie nichts. Amira legte Laertes in die Wiege und kam dann zu der Frau an den Tisch. „Es ist schön, dass du mich besuchst, Yaelle. Aber ich vermute, du hast ein Anliegen?“ Yaelle war in schwarz gekleidt und trug Hosen und Stiefel. Eine ungewöhnliche Aufmachung für eine goreanische Frau, die Amira an ihre eigenen Streifzüge in die Wälder am Laurius erinnerte. Häufig hatte sie sich dazu als junger Mann verkleidet.

Yaelle druckste ein wenig herum, nachdem sie in angemessenen Worten Amiras Nachwuchs ihre Bewunderung ausgesprochen hatte. „Also es geht um jemanden, den wir kennen, Amira. Und der unter ganz üblen Einfluss geraten ist, so dass er nun sogar mich, eine unbescholtene Bürgerin, bedroht.“ Amira blickte Yaelle direkt in die Augen, etwas in ihr wusste, dass nur eine gemeint sein konnte. „Du sprichst von Meona, Yaelle?“ Die dunkelhaarige Frau nickte. „Sie wird sich diesen Outlaws anschließen und eine von ihnen werden. Sie ist jetzt schon völlig verändert!“ Yaelles betrübte Miene sprach Bände – eine Mischung aus Wut über Meonas Wandlung und echter Besorgnis über deren weiteres Schicksal. Im Verlauf ihres Gespräches traten einige Seltsamkeiten und Widersprüche zutage. Amira gegenüber hatte Meona eine Vergefährtung mit besagtem Wodan abgelehnt. Vor Yaelle dagegen hatte sie sogar Lady Nici und den Kommandanten zu einer möglichen Gefährtenschaftsfeier einladen wollen. In ein Dorf voller Banditen! Yaelle war empört und Amira zutiefst beunruhigt. Sie mochte Meona, aber in den letzten Tage war sie selten anzutreffen gewesen. Sie war mit dem Mann, der ihr Herz ganz für sich eingenommen hatte, unterwegs gewesen. Allein. Allein das war für Amira Grund zur Sorge. Dass Yaelle nun den Besagten als jemanden schilderte, der notfall über Leichen ging, machte die Dinge nicht eben leichter zu ertragen.
Meona war in schlechte Gesellschaft geraten. Und – so erinnerte Amira – sie war im Besitz der Schlüssel für strategisch wichtige Punkte der Stadt. Man würde mit dem Kommandanten sprechen müssen. Man musste herausfinden, wem Meonas Loyalität galt und möglichen Gefahren ins Auge sehen.

„Liebe“, sprach Amira, „kann ein Segen sein. Aber sie kann auch ein Fluch sein, wenn man sie dem Falschen entgegenbringt, Yaelle.“

Als Yaelle gegangen war, blieb Amira nachdenklich zurück. Meona war ihr eine Freundin geworden, doch schon drohte das Schicksal damit die junge Frau auf den falschen Weg zu führen. Ein Weg, der sie zur Gesetzlosen machten konnte. Amira war froh, als Greta zurückkehrte und sie auf andere Gedanken brachte.

Am Abend, nachdem die Söldner Belnends einen Angriff von Piraten auf die Stadt abgewehrt hatten, ergab sich für Amira endlich die Gelegenheit mit Blue, der Heilerin zu sprechen und ihr Anliegen vorzutragen. Blue war charakterlich weit von Danika con Lydius entfernt, die Amira als Heilerin doch ganz anders in Erinnerung hatte. Blue nahm sich Zeit für ein ausführliches Vorgespräch und hörte mit einem aufmerksamen Blick zu, wie Amira ihn nur selten erlebt hatte zuvor. Es fiel ihr unter diesen Umständen nicht schwer über die Umstände von Laertes Geburt zu sprechen. Blue untersuchte ihren Unterleib und entnahm ihr etwas Blut zu Untersuchungszwecken. In zwei Tagen würde Amira wissen, ob Laertes bald ein Geschwisterchen bekommen würde.

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Comments
2 Responses to “Besuch von Yaelle”
  1. onolisicious sagt:

    Kaum ist man mal nicht da überschlagen sich die Ereignisse!!

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