Die Farbe Weiß

Wenn eine Godia sich einen Gefährten nimmt, der außerhalb des eigenen Clans lebt, kann dies zu Schwierigkeiten führen. Mandara und Isengard hatten dies am eigenen Leibe erfahren müssen. Obwohl zunächst alles so ausgesehen hatte, als würde der Dorfjarl Isengard eine faire Chance geben, sich der Junggodia von Glasir als würdig zu erweisen, tauchte Mandara einige Tage nach der Delegation aus Belnend ebenfalls wieder dort auf. Sie hatte ihre Heimat verlassen, als klar geworden war, dass der Dorfjarl gar nicht vor hatte Isengard seine Tauglichkeit beweisen zu lassen. Dies alles, so entnahm Amira aus Mandaras Worten, war nur ein Schauspiel gewesen. In Wirklichkeit wollte der Dorfjarl sie als seine spirituelle Beraterin nicht ziehen lassen. Nun war sie hier. Ähnlich wie Cato und Amira hatte sie ihre Heimat im rauen Norden verlassen müssen um ihrem Herzen folgen zu können.

Cato hatte seine Zustimmung zum Opfer an die nordischen Götter gegeben. Aber nicht nur deshalb saßen Amira und Mandara erneut in der Herbergsschänke beisammen. Sie und Isengard hatten sich außerhalb der Stadt auf einem Hügel niedergelassen, wo sie ihren nordischen Lebenswandel entfalten und im Sinne ihrer Götter leben konnten. Ein kleines Dorf war dort im Entstehen und schon bald würden die beiden sich vor ihren Göttern miteinander verbinden – Isengard würde Mandara zum Weibe nehmen. Am Runenplatz würde Gaia, die alte Godia, die Zeremonie durchführen. Anschließend sollte es Speis und reichlich Met in der Langhalle geben.

Der Tag der nordischen Gefährtenschaft rückte rasch näher und Amira wählte nicht zu prunkvolle Kleidung zu diesem Anlass aus. Nun, da sie sich mit den Menschen des Nordens ein wenig besser auskannte, wusste sie, dass diese solcher Art Zurschaustellung von Pracht und Luxus nicht schätzten. Außerdem sollte dieser Tag ganz zur Freude von Mandara und Isengard stattfinden. Cato würde später erst nachkommen können, deshalb ließ Amira Laertes in der Obhut von Greta und machte sich allein auf den Weg Richtung Hügel. Da sie einige Male die falsche Abzweigung wählte, kam sie gerade noch rechtzeitig zum Beginn der Gefährtenschaft und stapfte hinter dem Kommandanten her hoch zum Runenplatz. Nie zuvor hatte sie einen solchen gesehen oder gar betreten. Es gab eine Art Steintisch, der offenbar eine zentrale Rolle spielte und um den Tisch herum waren im Halbkreis niedrige Felsbrocken angeordnet. Von Mandara wusste sie, dass der Runenplatz der Ort für Handlungen und Bitten an die nordischen Götter wichtig war – ähnlich wie die Tempel des Südens, aber näher am Atem und am Leben der Natur.

Nachdem ein paar Gaben den nordischen Göttern geopfert worden waren, bat Gaia Mandara und Isengard an den steinernen Tisch und begann mit der Zeremonie. Die Parallen zum Süden wurden schnell deutlich, nur das symbolische Verbinden der beiden Händen mittels eines Lederbandes hatte Amira nie zuvor gesehen und auch die Namen der genannten Götter waren ihr fremd, wenn auch nicht unbekannt. Am Ende wurde die Gefährtenschaft sogar mit Kalana besiegelt. Beide – Mandara und Isengard – sprachen zuvor noch selbstgewählte Worte aneinander, die Amira nicht ohne Regung zurückließen. Für einen Moment dachte sie an Cato und wo er wohl blieb, als er auch schon hinter ihr auftauchte, buchstäblich im allerletzten Momenten der Zeremonie. Sie lächelte ihm zu und suchte sofort seine Nähe.

Beide Gefährten hatten für die Feier die Farbe Weiß gewählt und sich für nordische Maßstäbe durchaus prunkvoll gekleidet. Isengard sah in den weißen Gewändern derart fremd aus, dass Lady Nici ihn kurzzeitig für einen Wissenden gehalten hatte. Bei Gelegenheit, so beschloss Amira im Stillen, während sie bei Met und reichlich Fleisch in der Langhalle zusammen saßen, würde sie Mandara nach der Bedeutung der Farbe fragen. Das Geschenk des Gefährten an seine Gefährtin ließ Amira lächeln und sie warf einen zärtlichen Blick zu Cato und flüsterte, dass sie schon bald Biest, ihr Reittharlarion aus Iskander erwartete.  Mandara indes trat näher an das weiße Kaiila, das Isengard ihr stolz präsentierte. Aus ihren Augen las Amira die Liebe zu Isengard, für den sie ihren Clan verlassen hatte.

In zwei Tagen würde Amira erneut den Aufstieg wagen. Mandara und sie waren bereits verabredet.

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