Wenn Wut gefriert

Unter ihren Schritten knirschte der Schnee und in der kalten, klaren Luft wurde der körperwarme Atem zu weißen Wolken. Mit jeder Wolke, so kam es Amira vor, verflog die noch vorhandene Wärme aus ihrem Inneren gen Himmel. „Frostig“, so hatte der Wirt Isengard gesagt, wäre es dort, wo das Dorf Glasir liegt. Mit Schnee hatte selbst er nicht gerechnet, der aus dem Norden stammte und in Belnend Gasthaus und Schänke führte.

Sie befanden sich nun mitten in den nördlichen Wäldern und steuerten auf das Norddorf zu, aus dem Mandara stammte, die junge Godia, die dem Kommandanten erst kürzlich behilflich gewesen war. Cato fror noch mehr als Amira, als er mit seinen nackten Beinen zwischen den Bäumen hindurch die Steigung hochstapfte. Wer auch immer vorn die Karte und den Überblick in Händen hatte, Amira hoffte, dass er sein Handwerk beherrschte. Denn von dem, was zuvor als Weg noch erkennbar gewesen war, waren sie längst abgekommen. Sie zog ihren wollenen Umhang noch ein wenig enger um ihre Schultern und konzentrierte sich auf den Boden. Unter keinen Umständen wollte sie hier an diesem Ort des Eises mit einem gebrochenen Knochen liegen bleiben.

Sie waren einer Einladung des Dorfjarls gefolgt und der Kommandant hatte keinen Zweifel darüber gelassen, dass ihrer beider Anwesenheit erwünscht war. Sicher konnte man bei den Nordvölkern kaum von diplomatischen Beziehungen sprechen, aber so etwas Ähnliches wie hilfreiche Fäden konnten mit ihnen gesponnen werden. Laertes hatten sie in Gretas Obhut in Belnend gelassen und auch Nici, die Kastenerste und Gefährtin des Kommandanten, war daheim geblieben. Ein Fest sollte es an diesem Abend in Glasir geben.

Während zu Amiras Erleichterung der Holzwall samit Tor des Dorfes allmählich in Sicht kam, versuchte sie die Erfahrungen zu verdrängen, die sie bisher mit dem Nordvolk gemacht hatte. Statt dessen erinnerte sie sich an Meonas Schilderungen von einem behaglichen Leben in einer Gemeinschaft rund um ein zentrales Feuer in der Longhall. Noch wollten diese Bilder in ihrem Kopf sich nicht ganz in Übereinstimmung bringen lassen. Sie hob den Kopf und blickte auf Catos Rücken, der von einem wollenen Mantel bedeckt wurde, den er über seiner Schreibertunika trug. Er hätte auf sie hören und ausnahmsweise in Hosen schlüpfen sollen. Hinter ihr lief Meona. Weiter vorn, irgenwo zwischen den Söldnern der Vorhut, der Kommandant selbst. Vor dem Tor sammelte sich der Reisetross. Die Verteidigungsanlage war geschlossen und nun wartete man darauf, dass das Läuten der Glocke am Tor dem Dorf ihre Ankunft verkündete. Es war Mandara selbst, die Junggodia, die den Angereisten aus Belnend das Tor öffnete. Fast magisch passte sie sich in ihrem weißen Gewand der Umgebung an, ähnlich wie die Schneeeule, die als ständiger Begleiter auf ihrer Schulter ruhte.

Das Dorf lag still und leer vor ihnen. Unter der dünnen Schneedecke schimmerte an einigen Stellen die gefrorene Erde durch. Schneebedeckte Tannen bildeten die Kulisse für – soweit das Amira beurteilen konnte – nur zwei Häuser, deren steile Dächer bis an den Boden runter reichten, vermutlich um so den unerbittlichen Stürmen des Nordens besser trotzden zu können. Irgendwo in einem Stall lärmte ein Boskbulle gegen die ihn umgebende Kälte an und Vulos waren ebenfalls zu hören. Das größere der beiden massiven Häuser stellt sich als Longhall heraus. Dorthin führte Mandara sie nun. Auch das Tor der Hall hielten die Dorfbewohner stets verschlossen. Als es sich öffnete, gab es den Blick frei auf den zugleich behaglichsten, aber wegen seiner Fremdartigkeit auch beunruhigendsten Raum, den Amira je zu Gesicht bekommen hatte.

Zentrum der Hall waren schwere Tische zur rechten und zur linken Seite, die auf einen frontalen, etwas eröhten Tisch ausgerichtet waren, an dem – unverkennbar – der Dorfjarl einen schreckenerregenden Anblick bot. Die anderen Tische waren mit Nordmännern bevölkert, die dem Dorfjarl an Größe und Wildheit kaum nachstanden. Einige unverschleierte Nordfrauen waren anwesend. Die Sklavinnen waren nackt. Obwohl Amira auf einiges vorbereitet gewesen war, traf die Wirklichkeit sie hart. Unter dem Schleier lief sie dunkelrot an. Die Longhall weckte in ihr Erinnerungen an eine Taverne. Trotzdem versuchte sie ruhig zu bleiben. Sie waren Gäste hier und würden sich anpassen müssen. Unsicher folgte sie Cato zur Bank auf der rechten Seite, wo sie neben ihm Platz nahm. Zu ihrer linken flankierte sie Mandara, die Godia. Sie lächelte und reichte Amira ein Horn mit Met. „Trink, das wärmt und entspannt.“ Amira nahm das Met und kostete einen Schluck, während ihr Blick über die geschmückte Longhall wanderte. Tierschädel, Felle, Waffenschränke und Schilder ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der Clan der Glasir sich zu wehren wusste. Die Tische waren reich gedeckt mit Fleisch, Fisch und frischem Brot. Man aß gemeinsam von Platten. Besteck gab es keines. Die Ständer mit den Methörnern hielten die Sklavinnen aufgefüllt, wenn sie nicht mit Servieren beschäftigt waren.

Es sollte nicht lange dauern bis eine der Bonds, so nannte man die Sklavinnen hier, vor Cato auf den Tisch kletterte und ihm ein Met kredenzte. Amira starrte dem Mädchen einen Moment fassungslos auf die nackte Hitze, bis es ihr gelang den Kopf wegzudrehen. Alle Mädchen hier servierten mit gespreizten Schenkeln vom Tisch aus oder sogar auf dem Schoß der Männer. Amira nahm das Horn mit ein paar Zügen und legte es auf dem Tisch ab, sorgfältig darauf bedacht, nicht zu Cato rüberzusehen, der das nackte Mädchen vor ihm auf dem Tisch deutlich hörbar genoss. Später, so vernahm sie seine an das Mädchen gerichteten Worte, würde er gern einen körperwarmen Serve genießen. Amira rauschte das Blut in den Ohren, während das starke alkoholische Getränk in ihrem Innern langsam seine Wirkung entfaltete. Wenige Ehn später war das Fest in vollem Gange. Die Männer aßen, tranken und ließen ihren natürlichen Trieben ungeniert freien Lauf. Amira hätte wohl die Flucht ergriffen, wenn Mandara ihr nicht klugerweise gleich das Met zu trinken gegeben hätte. So lehnte sie mit hochrotem Kopf an Catos Schulter und fühlte sich seltsam entspannt und geborgen, flüsterte gelegentlich kleine Albernheiten in das Ohr ihres Gefährten und beobachtete, was vor sich ging.

Isengard, der Wirt aus Belnend, der die ganze Zeit recht ruhig neben Mandara gesessen hatte, erhob sich plötzlich und bat um das Wort. Mit einem Mal wurde es stiller in der Hall. Der Dorfjarl gab ihm ein Zeichen zu sprechen. Bo, der Kommandant von Belnend, beobachtete das Geschehen mit regem Interesse, offenbar auch überrascht von Isengards Initiative. Für einen Nordmann fand der Wirt zu erstaunlichen, fast lyrischen Worten, fand Amira. Auf seine Art und Weise bat er den Dorfjarl darum, Mandara zu seinem Weib nehmen zu dürfen. Es wurde nun so still, dass man das Prasseln der Flammen in der Feuerstelle und die Bewegungen der barfüßigen Bonds wahrnehmen konnte – zumindest für einen Moment. Die junge Godia, so erklärte der Dorfjarl dröhnend, sei eine wichtige Person im Dorf. Er würde sie nicht so einfach ziehen lassen mit jemandem, der nicht dem Clan angehörte. Eine Godia sei kein einfaches Weib, das man sich einfach so nehmen konnte, ließ auch ein anderer nun vernehmen. Amira blickte zu Mandara rüber, die einen Blick voller Liebe auf Isengard geworfen hatte. „Sie werden doch die Liebe selbst nicht aufhalten wollen, Cato. Das wäre so, als würden sie Wasser mit den Händen stoppen wollen“, flüsterte sie ihrem Gefährten ins Ohr. Cato schüttelte den Kopf und sagte „Das ist der Norden, Amira. Hier geht es um das Überleben des Clans.“ Die eben noch so ausgelassene Stimmung wandelte sich mit einem Mal und Amira spürte, wie ihr trotz der Wärme ein Schauer über den Rücken lief, als der Dorfjarl erklärte, dass Isengard zwei Hand bleiben und ihm beweisen solle, dass er es wert sei, die Godia zu freien. Anderenfalls solle er ihn gleich herausfordern. Isengard stand an seinem Platz und sah dem Dorfjarl ins Gesicht. Die anderen Nordmänner erhoben sich. Die Wirkung des Met war mit einem Mal aus Amira verschwunden. Sie drängte sich dicht an Cato und sah kurz zum Kommandanten rüber, der wohl als einziger in diesem Moment in Ruhe seine Mahlzeit fortsetzte. „Dann sei es so, zwei Hand und ich zeige dir, wer ich bin!“, erklärte Isengard. Erleichterung zeigte sich auf Mandaras Gesicht und auch Amira atmete auf. Kein Kampf. Der Dorfjarl nickte und bewegte die Hand, damit die Bonds mit dem Servieren fortfuhren.

So abrupt das fröhliche Treiben unterbrochen worden war, so spielend wurde es nun auch fortgesetzt. Amira wollte sich gerade ein Stück Fleisch nehmen, als ihr bewusst wurde, dass sie es ohne Besteck kaum würde essen können mit dem Schleier vor ihrem Gesicht. Cato nahm ihre Bewegung wahr und sagte leichtfertig „Nimm den Schleier doch ab. Das stört hier keinen.“ Amira drehte langsam den Kopf und sah ihn an, Überraschung über dieses ungeheuerlichen Vorschlag lag auf ihrem Gesicht. „DICH, Cato, DICH sollte das stören, wenn jeder mein Gesicht sehen kann.“ entfuhr es ihr empört. Als dann noch eine Bond Catos Schoß erkletterte, war es mit ihrer Fassung endgültig vorbei. Meona, die rechts neben Cato gesessen hatte, erhob sich just in diesem Moment um die Hall zu verlassen und Amira sprang hastig auf um sich ihr anzuschließen.

Unterschiedlicher hätten die Motive der beiden Frauen nicht sein können, als sie sich von einer der Bonds die schwere Tür öffnen ließen. Meona, die einst das Opfer eines gewaltsamen Übergriffs geworden war, verließ die Hall, weil ihr der Anblick soviel körperlicher Nähe Schmerz bereitete. Amira indes verließ die Hall, weil der Anblick sie mehr erregte, als es für eine freie Frau gut war. Außerdem loderte in ihr die grellweiße Flamme der Eifersucht auf die Mädchen, die sich nackt bei ihrem Gefährten auf den Schoß setzen und in aller Öffentlichkeit seine Nähe suchen durften. Die heiße Wut hielt draußen noch eine ganze Weile an, nachdem Meona sich zurückgezogen hatte und Amira allein in der Kälte zurückblieb. Während aus der Hall ausgelassenes Lachen erklang, saß sie auf einer Holzbank, eingehüllt in eine wollene Decke, die dort gelegen hatte und starrte in die Kälte, bis die Augen tränten und ihre Nase lief. Sie war zu sehr Goreanerin um Cato sein Tun übel zu nehmen. Er tat, was alle Männer taten und eben darum liebte sie ihn. Sie war zu stolz, um wieder um Einlass zu bitten. In gewisser Weise bestrafte sie sich selbst für die Erregung, die sie gespürt hatte. Schließlich wich die Wut und ihre Ruhe kehrte zurück.

Glasir, so hatte Amira gelesen, war ein Begriff aus einer uralten, barbarischen Kultur, die der in den nördlichen Wäldern sehr ähnlich war. Glasir war dort der goldene Baum vor Valhalla, wohin alle toten Krieger des Nordens gingen. Amira war fast eingeschlafen, als schließlich das Tor der Hall sich öffnete und Cato heraustrat um nach ihr zu sehen. Die Abreise zurück nach Belnend stand kurz bevor. Ein heißes Bad, so waren sich beide schnell einig, war das erste, nachdem sie sich sehnten.

…………………

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Comments
3 Responses to “Wenn Wut gefriert”
  1. Serena sagt:

    soweit mir bekannt ist, lebte man in den nördlichen Wäldern nach südlichem Muster. Ich frage mich wie es kommt, das immer mehr Nordsims sich in den „nördlichen Wäldern“ ansiedeln. Ist der Norden zu klein geworden?

    • neanarstrom sagt:

      Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von Torvaldsland und Nordsims. Vorher hab ich nie eine betreten, weil ich die Spieler, die von dort kamen, bisher immer suspekt waren.
      Glasir fand ich stimmig. Mein Urteil über Nordsims ist also teilweise revidiert.

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  1. […] Das Dorf trug den Namen Glasir und wir waren einer Einladung des Dorfjarls und der jungen Godia gefo…. Mandara lebte hier. Als Godia war sie die spirituelle Verbindung zwischen den Bewohnern des Dorfes und den Göttern des Nordes. Eine wichtige Frau also, ähnlich hoch angesehen wie die Eingeweihten des Südens. Zu unserer Verwunderung stand Isengard irgendwann auf und trat vor den Dorfjarl. Mit klaren Worten bat er um die Hand der Godia. Natürlich willigte der Dorfjarl nicht ein. Zu wichtig war die Godia für das Wohlergehen seine Clans und er würde sie nicht einfach ziehen lassen. Es kam zu einem Wortgefecht, einige andere Krieger im Langhaus standen auf und sprachen sich ebenfalls dagegen aus. Aber Isengard blieb hartnäckig. Die Zuneigung zu Mandara war selbst für einen Außenstehenden wie mich nur schwer zu überhören. Für einen Moment befürchtete ich eine Auseinandersetzung, aber der Dorfjarl blieb ruhig, obwohl er sehr deutliche Worte fand. Isengard würde im Dorf bleiben und hatte zwei Hand Zeit sich zu beweisen. […]



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