Des Feuers behagliche Wärme

Amira genoss die Wärme der Milch und die Süße des Honigs in ihrem Becher, während sie der Frau aus dem Norden lauschte. Die Herbergsschänke war ein behaglicher, kleiner Raum, der zu einem Drittel von der Küche eingenommen wurde und die beiden anderen Drittel füllte ein langer Holztisch mit Bänken, plaziert vor einem großen Kamin, der tagein tagaus den Raum in ein warmes Licht hüllte und niemanden frieren ließ.

Der Kommandant von Belnend saß ihr gegenüber am Tisch und war in sein Gespräch mit der Frau vertieft, die eine Schnapsbrennerei außerhalb der Stadt betrieb und von den Gepflogenheiten des Nordens erzählte. Zuvor hatten er und Amira Zeit genug gehabt sich in ein Gespräch zu vertiefen, in dem er sich als angenehmer und kultivierter Mann aus der Kaste der Krieger entpuppt hatte. Cato und er kannten sich offenbar schon und Amira schlussfolgerte, dass der Kommandant bei der Suche nach Laertes seinerzeit keine unwesentliche Rolle gespielt hatte. Unter dem Schutz der Söldner aus Belnend war Cato zu den Feuerbringern gereist und sicher wieder zurückgekehrt. Mit ihrer beider Sohn. Dieser schlief wohlbehalten oben im Herbergszimmer, bewacht von seiner Amme, die sich wie immer dicht neben seiner Korbwiege zusammengerollte hatte. Auch Catos Atemzüge waren noch tief und regelmäßig gewesen, als sie sich leise angekleidet und das Zimmer verlassen hatte um die leicht knarzende Stiege nach unten zu nehmen.
Hier saß sie nun und hörte den Geschichten aus einer ihr völlig fremden Welt zu.

Nach der alten Sitte des Nordens, so die unverschleierte Frau mit dem langen blonden Zopf, verkörperte das große Feuer in der Mitte des Dorfes Sicherheit und das Zuhause. Dörfer, die nach den alten Sitten lebten, führten ein Leben in enger Gemeinschaft in einem großen zentralen Haus innerhalb der Siedlung. Hier wurde zusammen gekocht, getrunken, gelebt – und auch gelitten. So befremdlich für Amira der Gedanken auch war, sich mit allen Bewohnern eines Dorfes ein Haus und ein Feuer teilen zu müssen, so sehr faszinierte sie auch die Symbolhaftigkeit des Feuers, das die Frau schilderte. Sie selbst hatte bis auf die wenige Tage im del-ka Quartier immer nur in Städten zugebracht, in denen jeder mehr für sich lebte, im Verbund der eigenen Familie und der eigenen Kaste.

Amira erinnerte sich an das Kaminfeuer im Turm zu Hochburg. So viele angenehme Ahn hatten sie dort verbracht. Cato, Laertes und sie. Greta, die nicht unweit des prächtigen Fells auf ihrer Matte kniete und mit geschäftigen Fingern prächtige Teppiche am Webrahmen wachsen ließ oder mit hölzernen Nadeln Masche um Masche zusammenfügte und so wahre Wunderwerke aus Wolle entstehen ließ, die Laertes warm hielten, wenn die Sonne über Hochburg von dichten Wolken verdeckt wurde. Es war ein Gefühl von Zuhause gewesen, das sie hoffentlich bald wieder erleben würde.
Später an diesem Tag würde der Kommandant Amira gern ein paar Häuser zeigen, hatte er gesagt. Ein Bestimmtes habe er eigentlich im Sinn, aber entscheiden sollten die beiden Schriftgelehrten selbst. Außerdem sollten sie schon bald Zugang zu den Amtsräumen der blauen Kaste erhalten, die sich im Rathaus von Belnend befanden.

Amiras konzentrierte sich wieder auf die Stimme der Frau, als das Schicksal der entführten und versklavten Händlerin von Belnend wieder zur Sprache kam. Um eine Godia ging es, die hilfreich sein sollte. Eine Godia, so entnahm Amira den Worten, war eine wichtige Person im Norden – vergleichbar vielleicht mit der Kaste der Wissenden im Süden – verkörperte sie die spirituelle Instanz, war die Verbindung zu den Göttern der Nordleute. Interessanterweise war die Godia eine Frau. Kaum war die Rede von dieser geheimnisvollen Frau, kam sie auch schon die Stiege herunter. Offenbar hatte sie im anderen Zimmer der Herberge übernachtet. Nicht lange nach ihr stieß Cato zu der Gruppe, die sich am Tisch nun versammelt hatte.

Sie verabschiedeten sich von der Runde um gemeinsam die Stadt zu erkunden. Cato drängte es, ähnlich wie Amira, in die Behaglichkeit eines Hauses, so dass sie während sie die schmalen verwinkelten Gassen der Stadt erwanderten, auch bereits Ausschau hielten nach einem möglichen Zuhause. Ein Haus hatte es ihnen schon von außen besonders angetan und auch ein Blick durch die offen stehenden Fenster in das geräumige Innere war viel versprechend. Sie ahnten noch nicht, dass auch der Kommandant an dieses Haus gedacht hatte, als er mit Amira sprach.

Als dieser sie wenige Ahn später genau dorthin führte, konnte Amira ihre Freude kaum verbergen. Das Haus war von innen so schön, wie es von außen versprach. Eine schmale Leiter führte hoch unters Dach, wo genug Raum war für einen Schlafbereich und sogar einen kleine Wanne. Aber viel wichtiger war die in massivem Stein gehaltene Feuerstelle, die den Wohnbereich dominierte und binnen weniger Ihn Visionen von Familienglück und Gemütlichkeit in Amira heraufbeschwor. Ihr gefiele das Haus, sprach sie lächelnd zum Kommandanten, aber natürlich brauche sie noch die Einwilligung ihres Gefährten.

Nachdem Cato dazugestoßen war, spannten er und der Kommandant, den ihr Gefährte freunschaftlich Bo nannte, sie noch eine Weile auf die Folter. In Ruhe erkundeten sie die Verteidigungsanlagen von Belnend und ließen Amira eine Weile im Garten des Hauses zurück. Sie lehnte sich an die stolzen und mächtigen Mauern des Hauses und betrachtete das viele Grün ringsum. Gleich vor ihr im Gras hatte sich eine letzte Blüte geöffnet, die der beginnenden kalten Jahreszeit noch trotzte. Das Erntefast lag schon einige Zeit zurück jetzt. Wo es Grün gab, Wald und Pflanzen und Felder, da lebte man enger mit den Wechseln der Natur als in Hochburg, wo die Gewinnung von Eisenerz den Charakter der Felsenfestung bestimmte. Rotes Gestein wohin das Auge blickte.
Nun würde Laertes Gras unter seinen rundlichen Knien spüren, wenn er seine Umgebung zu erkunden begann. Eine Vorstellung, die Amira glücklich machte. Er würde den Tau am Morgen kennen lernen, wie er von den Blättern perlt, er würde Früchte reifen und wachsen sehen – und zwar nicht nur in einem botanischen Garten unter einer Kuppel aus Bleiverglasung. Vielleicht konnten sie sogar selbst einen Garten anlegen und kultivieren. Greta wüsste sicher, wie das geht.

Cato und Bo wurden sich einig. Nichts anderes hatte Amira erwartet. Als sie das nächste Mal durch schwere Holztür mit den massiven Beschlägen trat, hieß sie Greta ein Feuer entzünden. Zuhause! Sie ließen sich auf dem weichen Fell nieder, das am Boden lag und schauten in die Flammen, während Greta Laertes an ihre Brust legte.

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Comments
One Response to “Des Feuers behagliche Wärme”
  1. onolisicious sagt:

    klasse geschrieben.. like!

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