Steinerne Stufen

Mit Catos letzten Münzen erreichten sie die Felsenfestung im Voltaigebirge. Hochburg, Catos Heimstein. Hier würde sie fortan leben mit ihm als ihrem Gefährten und mit Laertes. Nur noch endlos scheinende steinerne Stufen trennten sie jetzt von ihrem Sohn. Amira keuchte leise unter der Last ihres Gepäcks. Es war spät, als sie unten am Handelspunkt eintrafen, längst tummelten sich keine Sklaven mehr, die sie als Träger hätten einsetzen können.

Mit einer Karawane waren sie aus der Oase Richtung Tor aufgebrochen, hatten dort nach dem anstrengenden Ritt durch die Tahari in der Herberge „Zum rostigen Scimitar“ übernachtet waren und von Tor aus in einem Tarnkorb weitergereist. Cato trieb zur Eile an und auch Amiras Herz rief es heimwärts in ein neues Zuhause, das sie noch nicht so recht einschätzen konnte. Der Abschied aus der Oase von Klima war ihr, bei aller Freude endlich zu Cato zu gehören, nicht leicht gefallen. Sie hatte dem Pascha ihr Skizzenbuch zum Geschenk gemacht, es war in Leder gebunden und im Grunde das einzige von Wert, das sie noch besaß. Es enthielt ihre Zeichnungen von der Wüste und der Oase und ein paar Notizen zum Leben der Menschen in der Tahari. Außerdem war es ihr erster Versuch sich mit dem Schriftsystem der Tahari vertraut zu machen. Sie würde die Oase von Klima, die für viele in Gor nichts anderes als Sand und Salz bedeutete, immer als einen Ort der Zuflucht in Erinnerung behalten.

Über die letzten der in den Felsen geschlagenen Treppen erreichte sie schließlich hinter Cato die Ebene der Hohen Kasten. Zwei Wachmännner grüßten den Präfekten ehrerbietig und ließen sie ungehindert passieren. Zu ihrer rechten Seite war die Teestube, darüber die privaten Gemächer der Tatrix. Zu ihrer linken die öffentliche Bibliothek. Dann traten sie auf den großen Platz mit dem prachtvollen Brunnen, der gesäumt von den schönsten Gebäuden der Stadt, die höchste aller Ebenen der Felsenfestung dominiert. Das Gerichtsgebäude, der Bereich der Wohnhäuser für Hochkastige, Catos Turm, das Haus der Hohen Kasten, die Heilerei und das Wohnhaus der Tatrix. Cato wäre kein Schriftgelehrter, wenn er Amira nicht bereits auf dem Weg quer über den Platz grob den Aufbau von Hochburg erklärt hätte. Sie versuchte die vielen Informationen geordnet aufzunehmen, aber ihr Blick war auf den Turm gerichtet. Nur noch wenige Schritte und sie würde Laertes endlich in den Arm nehmen können.

Und dann war doch alles anders.

Sie hörte von draußen schon Greta ein Wiegenlied singen. Greta war die Amme, die sich um Laertes kümmerte. Cato hatte ihr davon erzählt. Trotzdem traf sie die Erkenntnis, dass ihr Sohn diese Vertrautheit zu einer Sklavin entwickelt hatte, die ihm eigentlich seine Mutter hätte entgegenbringen sollen, wie ein schmerzhafter Schlag mitten ins Gesicht. Sie zögerte einen Moment und Cato musste sie ermuntern den Turm zu betreten. Die Amme saß auf dem Fell vor der Wiege und blickte auf. Es war ein einfaches Mädchen mit rundem Gesicht, stämmigem Körperbau und braunem langen Haar, das Amira an den Herbst erinnerte. An fallende Blätter und die Geborgenheit eines warmen Feuers. Cato schickte das Mädchen hinaus und es ging widerspruchslos, nachdem ihre grünen Augen Amira aufmerksam gemustert hatten.

Amira trat an die Wiege und sah hinein. Laertes schlief und drehte ihr den kleinen Rücken zu. Das schwarze Haar lag in glänzenden Kringeln an seinem Kopf und mit einem Mal brachen die Erinnerungen an die Geburt mit Wucht durch. Ein Schluchzen schüttelt sie. Cato trat hinter sie und legte ihr seine Hand auf die Schulter um sie zu ermutigen
„Es ist dein Sohn, Amira. Trau dich.“

Sie streckte die Hand aus und zog die Decke ein wenig höher über die Schultern ihres schlafenden Sohnes. Laertes schmatze leise, drehte sich auf den Rücken und schlug seine Augen auf. Der Blick aus seinen blauen Augen traf sie unvermittelt, zugleich brabbelte er leise vor sich hin. Cato musste noch ein wenig auf sie einwirken bevor sie sich traute Laertes hochzunehmen. Sie hatte keine Ahnung von so kleinen Kindern. Kleine Geschwister hatte sie nie gehabt. Man hatte sie zu einer Schriftgelehrten erzogen, sie konnte einen Haushalt führen, ihren Lebensunterhalt verdienen, unterrichten und bei Bedarf sogar Strafprozesse führen – aber sie war unsicher darin, wie man ein Kind auf den Arm nimmt.

Vorsichtig drückte sie ihn an sich und sah Cato Hilfe suchend an. Er lachte leise. „Ich lasse euch allein. Er ist dein Sohn. Ihr werdet zurecht kommen. Du kannst Greta rufen, wenn du Hilfe brauchst. Komm dann später rüber ins Kastenhaus, ich will dir etwas zeigen.“ Schon fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Laertes begann ein wenig zu quengeln und Amira erschrak. Hielt sie ihn zu fest, zu locker, hatte er Hunger oder Durst oder mochte er sie nicht?

Sie trug ihn rüber zum Fell, das vor dem Kamin lag und legte sich das kleine quengelnde Wunder auf die Beine, so dass er sie ansehen konnte und sie ihn. Dann begann sie einfach zu reden, seine kleinen Hände in ihren Händen. Sie erzählte von der Nacht seiner Entstehung am See in Hochburg. Sie erzählte davon, wie er sich zum ersten Mal bewegt hatte in ihrem Bauch, als Connor sie auf dem Tarn nach Lydius geflogen hatte. Sie erzählte von seiner Geburt und wie gerne sie ihn doch damals gehalten hätte. Ob es ihre Stimme war oder die Wärme des Kaminfeuers, vermochte sie nicht zu sagen, aber Laertes ließ sich beruhigen. Sie begann über seine Großmutter zu erzählen und über seinen Urgroßvater und über Ko-ro-ba, die Türme des Morgens. Sie erzählte und erzählte, bis schließlich Cato zurück in den Turm kam. Laertes war auf ihren Beinen eingeschlafen.

Sie überließen den schlafenden Laertes seiner Amme und Cato führte Amira hinüber in das Haus der hohen Kasten. Ein Gebäude mit außergewöhnlicher Architektur. Amira fühlte sich an den Zylinder der Schriftgelehrten in Ar erinnert und sie spürte sofort, dass in dieses Haus Catos tiefste Überzeugungen mit eingeflossen waren. Dies war ein Ort der Forschung und der Zusammenarbeit der Hohen Kasten Gors: Die Krieger, die Mediziner, die Baumeister, die Schriftgelehrten und die Wissenden. Jede der fünf hohen Kasten hatte ihr ihren eigenen Raum. In der Mitte stand ein großer Tisch für Besprechungen und Zusammenkünfte. Der kreisförmige Saal öffnete sich nach oben hin offen. Dort befanden sich Gastzimmer, kleine Bibliotheken und Besprechungsräume. Die Geschicke Gors und aller Städte Gors mussten von den Hohen Kasten gelenkt werden, mit dem Einverständnis und im Einklang mit dem Willen der Priesterkönige. Amira lächelte Cato an. Auch dafür liebte sie ihn. Sie teilten nicht nur Heim und Lager, sondern auch ihre Überzeugungen.

Cato nahm sie bei der Hand und führte sie zu einer Tür, die sie auf die dritte Ebene des Gebäudes führte. Amira riss die Augen auf, als sie sich plötzlich inmitten von Pflanzen wiederfand. Über ihnen befand sich eine riesige Kuppel, durch die sie den Himmel über Hochburg sehen konnte. Ein Garten inmitten der Felsenfestung. Sie folgte Cato durch die Pflanzen, die aus allen Teilen Gors zu stammen schienen, in die Mitte des Raumes. Jemand hatte begonnen ein Herbarium anzulegen. Zeichnungen von Tieren und Pflanzen lagen herum. Ein Laboratorium für die Erkundung und Verarbeitung von Heilpflanzen befand sich in einer Ecke. Aus mehreren Vogelkäfigen erklang der Gesang der gefiederten Tiere. Cato deutete auf den Käfig, den man auf dem Tisch abgestellt hatte.

„Mein Geschenk zu unserer Gefährtenschaft, Amira. Es ist ein Papagei, einer von denen, wie der Pascha sie in seinem Garten hält. Er soll dich für immer an den Tag erinnern, an dem du meine wurdest. Man sagt, dass man ihnen Wörter beibringen kann.“

Amira setzt sich auf den Diwan, der inmitten dieses paradiesischen Gartens stand und musste sich einen Moment sammeln. „Du und Laertes seid schon Geschenk genug, Cato. Aber dies hier ist so wunderbar…ich finde keine Worte.“

Er setzte sich zu ihr und nickte. Hier oben würden sie viele schöne Stunden verbringen können. Mit dem Katalogisieren von Pflanzen und Gesprächen über die Flora und Fauna Gors. Es war ein ganz und gar romantischer Moment.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: