Abend in der Tahari

Amira betrachtete vom Zelt aus den Skorpion, der bei Einbruch der Dämmerung hervorgekommen war um seinen Hunger zu stillen. Längst brachte sie ein solcher Anblick nicht mehr ins Wanken. Die Tahari war eine ihr völlig fremde Welt, die sie sich langsam zu erschließen begann. Sie passte sich dem Lebensrhythmus der Oasenbewohner an, schlief, wenn die Hitze am größten war und nutzt die kühlen Abend- und Morgenstunden für Arbeiten, die ihr körperliche Anstrengung abverlangten oder für längere Spaziergänge.

So auch jetzt. Durch den offenen Zeltvorhang hindurch konnte sie sehen, wie der letzte Streifen Glutrot der untergehenden Sonne rasch verschwand und der Tag zur Nacht zu werden begann. Die Schriftrolle lag fertig in ihren Händen, ihre Finger fuhren sanft darüber, ihr Gesicht war ruhig. Connor hatte ihr gut geraten. Nun hatte sie sich alles vom Herzen geschrieben, sich selbst offen gelegt und nichts ausgelassen, auch was ihre eigene Schuld betraf. Connor, der Hauptmann von Hochburg, der mit seiner Gefährtin bei seinem alten Freund, dem Pasha, in der Oase weilte, hatte ihr das nah gelegt. Er wollte die Schriftrolle mit nach Hochburg nehmen zu Cato. Sie erhob sich vom Kissen, schob das Schreibpult vorsichtig beiseite und verließ ihr Zelt. Ihr Füße sanken leicht ein im noch warmen Sand und ihre Robe raschelte, während sie den Saum über die Millionen und Abermillionen feinster Körner zog. Wie bedeutungslos war der einzelne im Angesicht dieser großen, unendlich scheinenden Weite. Sie steuerte das Teezelt an, wo um diese Zeit meist alle zu finden waren.

Am frühen Morgen, als die Gelegenheit günstig schien, hatte er sie zu einem Gespräch unter vier Augen gebeten und sie hatten über die Geschehnisse gesprochen, die sich in Lydius ereignet hatten, seit Amira Hochburg verlassen hatte. Vor allem hatte er sie nach dem Verbleib des Kindes gefragt, eine Frage, die Amira erneut in tiefe Verzweiflung stieß. Wenn man in Hochburg nichts über den Aufenthaltsort ihres Kindes wusste, wie sollte sie es jemals finden? Amira versuchte sich zu erinnern, aber ihre Erinnerung schritt über eine Landschaft voller dunkler Flecken, in die sich kein Licht hinein bringen ließ. Immer wenn ihr Geist diese Flecken berührte, erfasste sie ein leichtes Schwindelgefühl. Connor ließ nicht locker. Amira berichtete ihm von der Ansicht des erfahrenen Sklavenhändlers, dass man ihr Drogen verabreicht haben musste. Sie wusste auch von den Fußabdrücken zu berichten, die nicht die eines Mannes gewesen waren, sich aber tief in den von Blut und Fruchtwasser getränkten Waldboden gepresst hatten. Immer und immer wieder war sie zu der Stelle im Wald gegangen und hatte versucht sich zu erinnern. Aber nur Bruchstücke hatten die Suggestion durchbrechen können. Wenn Amira an ihr Kind dachte, dann an dieses Köpfchen mit dem feucht glänzenden schwarzen Haar. Alles andere lag im Dunkeln. Connor hört ruhig zu und sprach ihr Mut zu. Er sicherte ihr auch Nachricht zu, wenn man das Kind gefunden habe. Mehr aber konnte er nicht versprechen. Mehr hatte Amira auch gar nicht erwartet.

Wie erhofft, saß Connor im Teezelt. Sie übergab ihm die Schriftrolle und er ging sofort in sein Lager um sie ins Gepäck zu stecken. Seine First, Rosa, stieß dazu und servierte Tee. Lange allein blieben sie nicht. Schon bald nahm auch der Pasha seinen Platz ein, flankiert von Bantha, und erkundigte sich nach dem Verbleib von Sir Dorian Belnendius con Kasra. Dass er mit einer Karawane bereits abgereist war, quittierte er mit einem Schmunzeln und bot Amira an, ihr einen Wächter abzustellen, wenn sie akute Gefahr befürchtete. Amira befiel leichte Nervosität, wie immer, wenn die Sprache auf Lydius kam. Aber wie immer, wenn sie auf ihn traf, hatte der Pasha mit seiner ruhigen Gelassenenheit, eine beruhigende Wirkung auf sie. Es folgten ein paar Fragen zu ihrem Unterricht im Sklavenhaus und Amira fasste sich ein Herz und fragte, wie die Benutzung des Badehauses für eine Freie möglich war, ohne dass es zu unerwünschten Komplikationen kam. Ruhig erläuterte er ihr das Prozedere mit dem geschlossenen Vorhang, bat aber auch hier sehr zuvorkommend Schutz durch eine der Wachen an.

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