Liebe deinen Peiniger

Grundsätzlich neigen Menschen dazu, in Zwangs- oder Abhängigkeitssituationen auch moralisch oder ethisch bedenkliche Handlungsweisen von Autoritäten zu relativieren und eine Schutzhaltung für sich zu entwickeln. (…) Die emotionale Nähe zum jeweils emotional stärksten Mitglied einer (auch kleinen) sozialen Gemeinschaft hängt eng mit dem Überlebenstrieb des Menschen zusammen. (…)

(Quelle Wikipedia – Stockholm Syndrom)

Nachdem Najah in den ersten Tage wie ein Schatten, unauffällig und verschüchert, in seinem grau kaum wahrzunehmen, in ihrem kleinen Aktionsradius zwischen Palast und Bibliothek umhergewandert war, gewöhnte sich ihre Seele allmählich an das, was ihr widerfuhr. Die Blicke der anderen, manche spöttisch, andere gehässig, wieder andere einfach ignorant. Das Schlimmste aber war, dass sich einige der Freien mit Tränen in den Augen abwandten, wenn sie ihrer gewahr wurden.

Sie räumte die Bibliothek auf, pflegte den Bestand und wenn sie allein war, vertiefte sie sich in die Schriften. Der einzige Mensch, zu dem sie regelmäßigen Kontakt hatte, war Gar, ihr Herr und ihr einstiger Feind. Gelegentlich suchte er sie in der Bibliothek auf oder begleitete sie dorthin, stellte Fragen und ließ sich Verschiedenes erläutern was die Bibliothek betraf. Es war nur wenig Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte und dennoch war das oft der einzige Kontakt, der sie forderte, ihren Geist beanspruchte und dem sie den ganzen Tag über entgegenfieberte wie eine Verdurstende in ihrer Einsamkeit. Seit ihrem Verrat hatte er sie nicht mehr geschlagen, gab den intelligenten und interessierten Gesprächspartner und machte sie mehr und mehr von sich abhängig. Najah erfuhr sich – anders als beim letzten Mal – nicht an ihren Herrn gebunden durch ihre Sexualität. Ihre Schwangerschaft schritt voran. Ihr Bauch wölbte sich nach vorn wie eine feste Kugel und das Kind bewegte sich längst in ihr. Gars Berührungen bezogen sich auf ihr Haar, ihre Wangen und… ihren Intellekt. So verfiel sie mit jedem Tag mehr dem Mann, dem sie einst hasserfüllt den Tod gewünscht hatte.

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  1. […] unsägliche Arroganz lag, die nur von dem Ausdruck in seinen Augen übertroffen wurde. Es hatte Zeiten gegeben, da waren diese Schritte das einzige gewesen, auf das sie für den Tag noch hatte hoffen […]



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