Verschwörung für Eingeweihte

Die Schriften waren an alle Händler verteilt und in der Stadt ausgehängt worden. Amira stand im Imbiss und überflog den Inhalt der Mitteilung, nachdem ihr das Del-ka Symbol unmissverständlich ins Auge gesprungen war. Natürlich war sie informiert gewesen, aber dennoch – es nun überall lesen zu können, erfüllte sie mit einer Mischung aus Stolz und panischer Angst.

Amira erfuhr von der Kajira, dass die Schriften wohl über Nacht verteilt worden sein mussten, als Lydius friedlich schlummerte. Lydius, seine ehrenwerten Bürger, alle rechtschaffenen Bewohner und – die Händler. Amiras Gedanken waren für einen Moment bei Melisande, die als Händlerin auch betroffen war und ihr schlechtes Gewissen regte sich. Und dennoch – sie war der absoluten Überzeugung, dass den Händlern Einhalt geboten werden musste in ihrem Streben nach der Macht, die allein den Hohen Kasten zustand. Und wenn man es sich recht überlegte, war Melisande ohnehin damit zufrieden ihren Laden zu führen. Sie war keiner dieser profitgierigen Ehrgeizlinge. Und Sir Grae… Nun sein Zurückrudern vom eigenen Urteil bestätigte nur seine Unfähigkeit als Prätor und vor allem seine Abhängigkeit von Gar. Amira seufzte. Nein, die Händler werden nun das ernten, was sie gesäht hatten. Cato hatte völlig Recht.

Sie verließ den Imbiss und macht sich auf den Weg über den Markt zum Kriegertraining. Mit jedem Schritt wurde ihr unbehaglicher. Was würde sie an Gars Stelle denken, wenn er die Schrift zu Gesicht bekam? Nun, die Aussage war recht einfach. Gar würde Amira verdächtigen und sicher nicht ruhen bis er ihr etwas nachweisen konnte.
Ob sie Sha’ari trauen konnte, die von ihrem Gefährten verlassen worden war, vermochte Amira nicht zu sagen. Zweifelsohne war sie auf einen von Gars Posten angewiesen. Womöglich würde sie sich nahtlos in die Reihe der Günstlinge einreihen, ohne Rücksicht auf die Ehre ihrer eigenen Kaste.
Ein Gespräch am Brunnen bestätigte Amiras Vermutungen. Sha’ari war daran beteiligt gewesen, Melisande zur Unterzeichnung eines Gefährtenschaftsvertrags mit Tonka zu zwingen. Sie hatte sogar die Türe abgeschlossen auf Gars Geheis.

Amira blickte zwischen Danika und Melisande hin und her und fasste einen Entschluss. Sie würde Lydius verlassen. Zunächst würde sie reisen, nach Iskander und sich dort weiter um Del-ka kümmern. Hier in Lydius war nichts auszurichten. Es war sogar zwecklos Melisande dazu zu ermutigen ihren Vertrag ungültig erklären zu lassen, weil er unter Zwang zustande gekommen war. Gar war nicht nur der Fädenzieher, sondern auch oberster Richter. Lydius war eine verlorene Stadt, fest im Griff eines despotischen Händlers, der sogar die Angehörigen der eigenen Kaste nicht verschonte. Amira blickt sich ein letzes Mal um, verabschiedete sich von Danika und Melisande auf unbestimmte Zeit und ließ dann ihr Hab und Gut verschiffen um es in Iskander einlagern zu lassen.

Der Tag des Abschieds war gekommen. Amira blickte sich ein letzte Mal in der leeren Schreibstube um als auch schon die Sänftenträger klopften um sie zum Hafen zu bringen. Sie stieg ein und schloss die Vorhänge um sich herum. Der Blick auf die so liebgewonnen Straßen, Häuser und Menschen sollte ihre Entscheidung nicht ins Wanken bringen.

Am Hafen schloss sie sich einer Reisegruppe nach Ars Station an und von dort aus reiste sie unauffällig ohne Sänfte, statt dessen als junger Mann verkleidet auf dem Rücken von Biest und mit Pfeil, Bogen und Dolch bewaffnet nach Iskander. Wie oft hatte sie in Lydius dieser Verkleidung erprobt. Sowohl das Reittraining als auch die Übungen mit dem Bogen sollten sich nun auszahlen. Sie befand sich noch im ersten Trimester der Schwangerschaft und ihr Bauch war noch flach. Das Reiten war anstrengend, aber es erfüllte sie auch ein ungeheures Gefühl von neu gewonnener Freiheit. Sie kam nicht mit leeren Händen im Hauptquartier an, sondern mit einem erlegten Tabuk über dem Sattel.

Als das Tharlarion lautstark durch den Wald brach und sie schließlich die Lichtung mit der Hütte erreichten, nahm sie dort eine Gestalt wahr. Amira brachte Biest zum Stehen und zögerte einen Moment, sie hatte erwartet hier allein zu sein und wusste nicht, wen sie vor sich hatte. Biest schnaubte und in der kühlen Morgenluft kondensierte der heiße Atem des Tiers zu Dampf. Die Gestalt trat aus dem Schatten der Hütte hervor und Amira erkannte ihn bereits bei der ersten Bewegung. Cato war hier. Das hatte sie nicht zu hoffen gewagt.

Eine gemeinsame Nacht blieb ihnen. Keyla, Catos Sklavin erwies sich geschickt darin das Tabuk auszuweiden und zu zerlegen. Auch die Zubereitung der ersten Fleischstücke gelang ihr ausgezeichnet, so dass Cato und Amira Zeit hatten das weitere Vorgehen zu besprechen. Er würde am nächsten Tag weiter nach Belnend reisen. Keyla sollte bei Amira bleiben. Auf dem Rückweg würde er beide dann mit nach Hochburg nehmen, wo Amira als Schriftgelehrte hilfreich sein würde. Und, so Cato, so sei sie außer Gefahr und darüber hinaus könner er sie öfter sehen. Sie – und später auch ihr Kind.

Amira schlief friedlich ein an diesem Abend. Neue Zuversicht erfüllte sie und in der behaglichen Wärme des Kaminfeuers und in Catos Armen vergaß sie sogar ihr Heimweh und ihren Schmerz darüber den Heimstein verlassen zu müssen.  Sie hatte Aufgaben zu erfüllen.

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  1. […] sah sich um und lächelte. “Ich glaube es zu wissen, der Weg war damals kaum zu erkennen und ich ging nicht zu Fuß, son…. Wie es Biest wohl gehen […]



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