Weibliche Machtergreifung in Lydius – Ein historischer Essay

Amira überfliegt das Pergament, das der junge Historiker ihr als seiner Kastenersten vorlegt und um ihre Beurteilung bittet. Amira runzelt die Stirn und sagt „Es ist ohne Zweifel gut, dass die blaue Kaste die Chroniken der Stadt weiterschreibt und sich dabei auch von den Mythen, die die Anhänger des Wanja-Kultes ins Volk streuten, distanziert. Wir sind bekannt für unsere Genauigkeit und unsere Distanz zum Geschehen. Ich hoffe, dies trifft auf deinen Essay zu, Caius. Ich selbst hätte ihn nicht zu schreiben vermocht.“

Caius nickt und sagt „Ich will euch nicht zu nahe treten, Kastenerste. Aber es wäre ungut eure Verstrickungen in die Widerstandsbewegung zu verschweigen. Zu eurem Glück hat sich das Blatt noch gewendet.“ Amira nickt und liest weiter. Nach einigen Ehn lässt sie das Blatt sinken und sagt „Es wäre interessant unsere Aufzeichnungen mit denen Kasras zu vergleichen. Vielleicht sogar mit denen in Belnend. Ich bin sicher einige Fäden dieses interessanten Falles sind noch nicht aufgegriffen worden“.

Caius lächelt und sagt „Geschichte ist etwas, das niemals abgeschlossen ist, Amira.“

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Weibliche Machtergreifung in Lydius – Ein historischer Essay

von Caius con Lydius

Morgaine con Treve, die Schwester der Usurpatorin Wanja, Historikern allgemein unter dem Namen „Ein-Tages-Tatrix“ von Lydius bekannt, wurde vom Händlerrat in Abwesenheit des Administrator und ihres Protektors Sir Gar con Lydius verurteilt, ihre Existenz als Freie zu beenden. Es stand ihr somit frei den Kragen zu wählen oder ihr Leben zu verlieren.

Die Ereignisse in zeitlicher Abfolge

Die erste Kontaktaufnahme zum Administrator war ein Schreiben aus Kasra, in dem er aufgefordert wurde, Morgaines Schulden dort zu begleichen. Sie hatte sich in der kleinen Stadt am Fayheen als seine zukünftige Gefährtin ausgegeben und Rechnungen auf seinen Namen stellen lassen. Statt sie – wie auf Anraten der blauen Kaste – dort wegen Betrugs und Hochstapelei verurteilen zu lassen – schickte er eine diplomatische Delegation in Form von Händlerin Melisande los um Morgaine con Treve dort auszulösen. An dieser Stelle liegt eine Verstrickung des amtierenden Administrators in dubiose Machenschaften bereits nahe. Es wurde vermutet, dass Morgaine con Treve etwas gegen ihn in der Hand hat oder er sich einen anderen Vorteil von ihr erhofft.

Im zweiten Schritt der Ereignisse brüskiert Morgaine con Treve die Gefährtin des Adminisrators mit der Absicht sie zu ersetzen oder Gars Zweitfrau zu werden, was – wie wir alle wissen – nach goreanischem Recht nicht möglich ist. Lady Vayiena, beleidigt und bloßgestellt, hatte sie sich nun zur Feindin gemacht.

Gar berief Morgaine con Treve, Heimsteinfremde ohne Kaste, zur Präfektin – ohne Abstimmung mit dem Rat. Zusätzlich stattete er das Amt mit voller Befehlsgewalt über die Stadtwache aus. Es kam zu einigen unguten Begegnungen mit Bürgern, wüste Drohungen wurden ausgestoßen, kurzum – Morgaine con Treve bewies in ihrem fragilen Status als Heimsteinfremde in Lydius kein Fingerspitzengefühl, dafür aber jede Menge Ungeschicklichkeit. Innerhalb einer Hand hatte sie sich die Bürger zum Feind gemacht.

Eine Widerstandsbewegung gegen sie und ihren Protektor erfasste die Stadt. Amira con Lydius unternahm sogar den Versuch Morgaine con Treve entführen zu lassen um Gar zum Einlenken zu bewegen und weiteren Schaden von Lydius abzuwenden. Teile der Bürgerschaft waren ebenfalls verstrickt. Selbst Angehörige von Gars Händlerrat wandten sich gegen ihn, als bekannt wurde, dass die Stadtkasse leer war, während Morgaine Goldtarn mit Wanjas Konterfei prägen und sie verteilen ließ. Teile der roten Kaste schlossen sich dem Widerstand gegen den Tatrixkult und gegen Morgaine con Treve  an und Sir Tharkan stürzte öffentlich die Statue der Usurpatorin Wanja vom Sockel. Gar und Morgaine flohen aus der Stadt, als der Widerstand sich öffentlich zeigte. Zuvor wurden Morgaine und Amira con Lydius noch beide ihrer Ämter enthoben. Morgaine, weil sie Amira öffentlich mit einem Dolch bedrohte – Amira, weil sie sich als Richterin weigerte die Verhaftung von Sir Tharkan in die Wege zu leiten.

Der Rat trat unter Sir Grae zusammen um für Ordnung zu sorgen. Bereits am nächsten Tag überfiel Gar mit Morgaines Söldnern seinen eigenen Heimstein. Bis dahin ehrenwerte Bürger wurden als Verräter in den Kennel geworfen. Unsummen von Bestechungsgeldern wurden gezahlt und schließlich gelang es die Köpfe aller Verräter zu retten. Sir Grae erwies großes Verhandlungsgeschick und Gar con Lydius reiste an diesem Abend noch unaufschiebbar nach Ar und überließ Sir Grae und seiner Gefährtin, Lady Vayiena, die Amtsgeschäfte.

Morgaine von Treve sagte sich öffentlich wegen Vertragsbruchs von Gar los und unterhielt weiterhin eine Tarnsöldnertruppe, über die Gar nun keinerlei Verfügungsgewalt mehr hatte.

Der Widerstand nutzte die Zeit sich mit dem Rat zu verbünden und Kontakte zu möglichen Verbündeten im Falle eines Angriffskriegs durch Morgaine con Treve herzustellen. Während einer Ratssitzung plädierte die Rote Kaste dafür, dem Treiben der Frau endlich ein Ende zu setzen, bevor sie noch mehr Söldner um sich sammeln konnte. Das Urteil wurde gefällt und zur Vollstreckung gegeben. Am Tag danach verhaftetete man Morgaine con Treve in ihrem Kontor am Hafen.

Zeugen berichten, die kastenlose Heimsteinfremde habe selbst im Kennel noch wüste Drohungen ausgestoßen und Musiker mit Goldtarn bezahlt, um unterhalten zu werden. Es wäre sicher lohnenswert das Gehirn der Verurteilten der Heilerin zur Untersuchung zu überstellen, da interessante erbbedingte Anomalien zu vermuten sind.

Obwohl die Veurteilte den Tod wählte, ging man auf Grund ihres irrationalen Verhaltens davon aus, dass sie nicht klar bei Verstand war und legte ihr den Kragen um. Dann verlieren sich die Spuren. Ein Mann aus dem Norden kaufte sie und nahm sie mit.

Vergleicht man beide Fälle miteinander, wurde Morgaine nicht die Ehre einer öffentlichen Ermordung zuteil. Sie geht als namenslose Sklavin in die Geschichte ein ohne Lydius vollständig okkupiert zu haben. Ob Racheakte aus Treve zu befürchten sind, bleibt abzuwarten. Mit der Versklavung erlöschen in der Regel die Familienbande und sonstige Bündnisse.

Aus Sicht der Historiker sind im Zusammenhang mit der versuchten Machtergreifung ein paar Schwachstellen der städtischen Verfassung zu nennen. Die größte Schwachstelle ist, es gibt keine Verfassung in Lydius. Dies führt zum üblichen Kompetenzgerangel und lässt Raum für juristische Leerstellen, die reichlich Konflikpotential bieten.

Punkt 1

Kann eine Heimsteinfremde in ein Amt berufen werden?

Punkt 2

Wer hat die Befehlsgewalt über die Stadtwache? Kann diese auf andere übertragen werden und wenn ja – unter welchen Umständen?

Punkt 3

Hat der Rat Einflussmöglichkeit auf das Handeln des Administrators? Und  zwar auch ohne diesen abwählen zu müssen.

Punkt 4

Sollte die Besetzung  öffentliche Ämter in Abstimmung mit dem Rat erfolgen müssen?

Punkt 5

Welches sind die Voraussetzungen für einen Heimsteinschwur?

Den Historikern und Juristen unter uns scheint es interessant, ob diese Erfahrungen im Händlerrat aufgegriffen und angegangen werden. Bisher zeigte sich selbiger nicht besonders interessiert an juristischen Fragen und allzu oft war man der Ansicht, das Handelsrecht halte für alles eine Antwort bereit. Natürlich ist das ein Irrglaube.

Interessant ist auch die Frage, wie der Händlerrat bei Rückkehr von Gar con Lydius verfährt, dem Administrator. Das hängt sicher auch von Gars weiterem Verhalten ab. Seine Verstrickung in die Machenschaften Morgaines ist noch nicht vollständig aufgearbeitet. Es wird interessant zu sehen sein, ob diese Aufarbeitung überhaupt von irgendeiner Seite gewünscht ist.

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Comments
6 Responses to “Weibliche Machtergreifung in Lydius – Ein historischer Essay”
  1. Taibur con Ar sagt:

    Die Oberverräterin verkauft sich trotz Begnadigung (die ich nun gar nicht verstehen konnte) auch noch als „Wiederstandskämpferin“

    Das wird immer seltsamer

    Gut, dass ich nicht lesen kann.

    Taibur von der Wache

    • neanarstrom sagt:

      „Verrat“ wie „Widerstand“ sind eine Frage der Perspektive. Und unsere Sichtweisen insgesamt ein Beweis für die konstruktivistische Weltsicht. Egal ob Erde oder Gor.

  2. Taibur con Ar sagt:

    So reden die Terroristen auch immer. Macht es aber nicht richtiger.

  3. neanarstrom sagt:

    /me zieht die Kapuze ins Gesicht und ruft „Heil Lydius!“

  4. Mel sagt:

    Mel und Amira müssen sich mal unterhalten. Mel ist ja sooo neugierig… 😉

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