Spirit of Gor 1 – Mann und Frau

(Bilder: Chrysa mit Gar in der Taverne, Nea mit Aeneas – beide Aufnahmen aus Port Lydius)

Nachdem ich diesen Begriff nun mehrfach verwendete, vor allem im Hinblick darauf zu klären, was für mich im Rollenspiel den „Spirit of Gor“ stört oder verunmöglicht, ist vielleicht an der Zeit zu klären, was ich unter dem Besagten überhaupt verstehe oder besser gesagt: empfinde.

Dazu muss ich länger ausholen und in die Zeit zurückgehen, als ich GOR-Rollenspiel absolut lächerlich und inakzeptabel fand. Vor allem aus dem Grund, dass die Romane literarisch minderwertig sind und bei aller Sexualisierung von einer sprachlichen Prüderie, wie man sie nur selten findet.

Erschwerend hin zu kam die Frage: Was für ein komplexbesessener Typ erfindet eine Welt, in der Frauen den Männern per Definition untergeordnet sind? Das ist ja nochmal ne andere Nummer als selbstbestimmt in einer konstruierten Hierarchie zu leben, wie es viele D/S Leute machen, weil sie daraus Lustgewinn ziehen.

Genau da liegt aber der Schlüssel, der das gespielte Machtgefälle plausibel und attraktiv macht. Unser reales Leben, in einer Welt der Gleichberechtigung von Mann und Frau, ist extrem anstrengend und komplex. Es ist ein immer währender Kampf um Behauptung, sich ständig verändernden Regeln und Gegebenheiten und zuletzt auch ein Ringen um unsere eigene Identität in der uns gegebenen freien Weltordnung, zumindest in meinem eigenen Leben. Der tägliche Entscheidungsmarathon verlangt uns einiges ab.

Gor-Rollenspiel ist für mich eine entlastende Simplifizierung der Welt. Diese Vereinfachung geschieht durch einen biologistischen Trick, der dem Mann auf Grund seiner körperlichen Überlegenheit die Macht in die Hand gibt mit allen negativen Konsequenzen. (ich will jetzt nicht auf den goreanischen Mythos zurückgehen, der diesem Herrschaftsverhältnis eine Begründung gibt, die auf der Bösartigkeit der mit Macht betrauten Frau beruht, obwohl ich hier die Parallele zum Christentum und zur Vertreibung aus dem Paradies schon interessant finde).

Die goreanische Gesellschaft ruht auf drei Säulen: Heimstein. Kaste und Sklaverei.

Aber wesentlich wichtiger ist die Tatsache, dass Männer den Frauen, auch den freien Frauen als Väter, Familienvorstände oder Gefährten übergeordnet sind. Egal ob eine Frau Sklavin, Tochter oder Gefährtin ist, sie wird im Hinblick auf den Gehorsam Männern gegenüber erzogen. Sogar Mädchen hoher Kasten erlernen das Ritual der Unterwerfung, weil es in Zeiten der Not ihr Leben retten kann. Kurzum: Der Entscheidungsspielraum einer freien Frau ist klein, er wird nur größer, wenn sie lernt ihn mit Einverständnis der Männer zu erweitern, dazu gehört, dass sie gewissen Konventionen folgt. Der Entscheidungsspielraum einer Sklavin ist nahezu gleich null, aber auch hier gibt es mehr Freiheit durch Gehorsam und überzeugendes Dienen.

Mit dieser Einschränkung auf Gehorsam und Dienen verbunden, ist allerdings die Freiheit sich auf völlig andere Eigenschaften zu konzentrieren, die ich und vermutlich viele andere auch als „typisch weiblich“ empfinden. In jedem Fall reduziert sich der Spielraum und eröffnet das Feld für eine Kreativität, die im realen Leben als kaum noch relevant gilt und uns im realen Leben zu Verräterinnen der Emanzipation machen würde. Dass viele Frauen Gor-RP spielen, lässt den Rückschluss nah, dass wir diesen Teil unserer Persönlichkeit, durchaus vermissen oder es zumindest genießen können, ihm in einem spielerischen Rahmen mehr Raum geben zu können. Ich gehe davon aus, dass es den männlichen Spielern durch diese reduzierte Stellung der Frau, ebenfalls möglich gemacht wird, einen Teil ihrer männlichen Identität auszuspielen, der in realgesellschaftlichen Rahmen als unerwünscht gilt oder zumindest für sehr viel Reibung sorgen dürfte. Gleichzeitig wird ihnen im Spiel die Last genommen, sich stets und ständig empathisch und rücksichtsvoll gegenüber jedem und vor allem gegenüber Frauen geben zu müssen.

Noch eine Vereinfachung des Lebens erfolgt durch die Bindung an den Heimstein und an die Kaste. Der Beruf ist in der Regel goreanischen Frauen und Männern bereits durch Geburt vorgeprägt. Und auch ein Heimsteinwechsel ist eine eher ungewöhnliche Sache. Beides, Kaste und Heimstein, tragen für mich persönlich wesentlich zum Spirit of Gor im RP bei.

Näheres dazu in Kürze.

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Comments
One Response to “Spirit of Gor 1 – Mann und Frau”
  1. Kargus sagt:

    Ein guter Text, Nea, gratuliere!

    „Gleichzeitig wird ihnen im Spiel die Last genommen, sich stets und ständig empathisch und rücksichtsvoll gegenüber jedem und vor allem gegenüber Frauen geben zu müssen.“

    Zumindest bei den Spielerinnen, die wirklich goreanisch spielen und das ist nach meinen Erfahrungen eher eine Minderheit. Hinter dem Ava steckt eben ein Erdenmensch und der hat die goreanische männliche Dominanz mehr oder weniger verinnerlicht. Das gilt für Männer und Frauen.

    Das goreanische Rollenspiel ist für mich eine Gratwanderung. Zuviel Männerdominanz und Frauenunterwerfung macht das Spiel mit der Zeit langweilig. Ich Herr, du Sklavin, ab in die Felle, das ist ein paarmal interessant (welcher Mann wünscht sich nicht manchmal, dass er das auf der Erde auch tun könnte, wenn er eine heisse Frau auf der Strasse sieht). Mit der Zeit wird es Routine und weniger spannend, ausser man trifft auf eine Frau, die wirklich gut emotet.

    Zuviel Widerstand und Zickigkeit auf Seiten der Frauen macht andrerseits das Spiel unrealistisch. Bis zu einem gewissen Grad des Widerstandes kann es Spass machen, diesen versuchen zu brechen, aber eine Sklavin, die auch bei Todesdrohungen noch cool den Gehorsam verweigert, ist schlicht ungoreanisch. Das Spielen mit ihr lohnt sich selten.

    Ich versuche, diesen Spirit of Gor im Hinterkopf zu haben, wenn ich spiele und trotzdem nicht stur an einem idealen Rollenbild zu kleben. Meine Figuren sollen sich auch ändern können, sie sollen auch von den Idealbildern abweichen können, aber sie sollen eben goreanisch bleiben.

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