Bilanzsuizid

Am 18.03. hab ich meinen ersten Fuß ins Gor-RP gesetzt.  Nach knapp fünf Monaten mehr oder minder intensiven Gor-Spiels ist an der Zeit eine Bilanz zu ziehen.

Vorteile:

1. Durch die klaren Vorgaben zum Setting durch die Romane, ist es im Vergleich zu anderen RP’s relativ leicht eine stimmige und immersive Spielumgebung aufzubauen und (forcende, god-modende, total themenfremde) Honks draußen zu halten oder ihnen schlicht aus dem Weg zu gehen. Geht man für ein paar Stunden als Beobachter auf eine Sim, weiß man meist nach wenigen Sätzen ob die Sim lohnenswert sein könnte, oder man lieber wieder das Weite sucht.

2. Man hat kein Problem in die RP-Gemeinschaft integriert zu werden, wenn man sich vorher etwas einliest oder zumindest informiert und einigermaßen emoten kann.

3. Man trifft durchaus auf Spieler, die einem im eigenen RP weiterbringen, bzw. durch starkes RP beindrucken.

4. Man kann Gor-RP betreiben ohne OOC Gor toll zu finden, in der Regel trifft man auf den richtigen Sim aufs Spieler, die keine kompensierenden Flachwichser sind, die Gor für eine prima Gesellschaftsform halten.

5. IC und OOC werden in der Regel unterschieden, es gibt ein ausgeprägtes Bewusstsein darüber, dass Force-RP keine gute Sache ist und Rollenspiel nur gut ist, wenn niemand „überspielt“ wird, egal ob Freie/r oder Kajira.

6. Gor-RP ist durchaus humorvoll, ein echter Pluspunkt. Für „echte“ Goreaner vielleicht ein Frevel, aber manchmal kam bei mir echtes Monty Python Feeling auf – was meiner Meinung auch dem natürlichen menschlichen Empfinden entspricht, wenn zuviel Härte zur Lachnummer wird.

Nun zu den Nachteilen – manche davon geben sicher nur meine subjektive Sicht wieder:

1. Die Auswahl an rp-tauglichen deutschsprachigen Sims ist definitiv beschränkt, sei es durch Defizite im sprachlichen, weltanschaulichen („echte“ Goraner ohne Trennung IC/OOC)  oder ästhetischen Bereich.

2. Es gibt eine große Menge an Spielern, die bespaßt werden wollen ohne eigene Ideen mitzubringen oder zu entwickeln, das kann durchaus nervig sein, wenn man den Anspruch hat auch schwächeren Spielern einen Chance zu geben.

3. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Spielern forct anderen (vermutlich oft auch unbewusst!) Spielverläufe auf, die dann zu Frust führen kann, weil man sie so nicht möchte.  Hier würde ich mir noch etwas mehr Fingerspitzengefühl bei der sprachlichen Gestaltung von Emotes wünschen. Die goreanische Hierachie zwischen Freien und Versklavten ist leider für Fore-RP ein idealer Nährboden.

4. Die Gestaltung und die Entwicklungsmöglichkeiten der Charaktere sind deutlich eingeschränkt, es gibt sicher Spielräume, aber die Handlungsmöglichkeiten einer Kajira sind extrem eng. Einer freien Frau geht es nicht wesentlich besser in vielen Belangen.

5. Durch die extrem engen Vorgaben des goreanischen Gesellschaftssystems kommt man sich doch recht häufig vor wie in einer Wiederholungsschleife: Hat man alle Rituale einmal durch, wird es zunehmend langweiliger.

6. Gor-RP frisst eine Menge Zeit und es ist klar, dass anderweitig interessierte Freunde das nicht wirklich toll finden. Kurzum man tendiert dazu, sich nur noch mit anderen Gor-Spielern zu umgeben, mehr und mehr die sprachlichen Frevel goeranischen Rollenspiels zu übernehmen („gorsprech“) und sich den Kopf mit Ausdrücken, Ritualen und Gesetzen vollzumüllen, die keinen Wert an sich haben.

7. Der für mich wichtigste und sehr persönliche Punkt: Die goreanische Weltordnung bringt mich immer wieder an Punkte, an denen ich das RP gerne anders gestalten würde, das aber den RP-Rahmen sprengen oder ad absurdum führen würde, Momente, in denen das RP sich negativ auf mein persönliches Empfinden auswirkt und zwar massiv, weil es meinen tiefsten Empfindungen widerspricht.

Mein Fazit ist ziemlich ausgewogen, wie man merkt.

Ich hab gestern meinen goranischen Character ausgelöscht – also meinen wirklichen Hauptcharacter mit der gut durchdachten Hintergrundgeschichte. Nea ist im Fayheen etrunken und da ich keine Auferstehungsgläubige bin war’s das vorerst mit Gor-RP.

Ich fand’s für den Character schlüssig, was aber sicher an meiner total ungoreanischen Denkweise liegt, dass man nämlich jemandem nichts abverlagen kann, das dessen moralischem Empfinden diametral entgegenläuft. Insofern – für mich schlüssig, aber vielleicht ungoreanisch – Nea wählte den Freitod.

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Comments
6 Responses to “Bilanzsuizid”
  1. Jenny/Tamila sagt:

    Eigentlich gibt es noch viel dazwischen, aber es dauert auch seine Zeit bis man seine *Niesche* entdeckt oder es liegt einem einfach nicht, was es letztlich ist wirst du feststellen, wenn es dich wieder oder eben gar nicht mehr nach Gor zieht, schade ist es in jedem Fall, Kasra hat eine tolle RPlerin weniger….
    Aber jeder wie es ihm/ihr gefällt, SL ist ja schließlich Freizeit und soll Spass machen 😉

  2. Dark sagt:

    Hi Nea,
    alles Gute bei Deinen sonstigen Aktivitäten. Im RP habe ich Dich wenig erlebt, aber gerne. Aber Deine Zusammenfassung, Deine Punkte hier zum Gor-RP kann ich wieder einmal voll unterschreiben. Gor hat gute und schlechte Seiten. Und besser, als monatelang unzufrieden zu sein, Freizeit zu opfern (denn wenns keinen Spass macht ist es weggeworfene Zeit) um am Ende des Abends unbefriedigt off zu gehen ist es dann, einen sicherlich nicht leichten Schritt zu tuen und zu gehen. Ich kann Dir nur den Tipp geben.. lass Deine Leiche nicht finden. Meine Dark ist ebenfalls aus dem goreanischen Rennen, ich habe meinen MainChar testweise ausgemottet, der ebenfalls damals ein nasses Ende fand. Ich hatte damals nicht geplant, dass Kaya wieder aufsteht, aber nach knapp 2 Jahren war es so weit..und .. im Wasser kann es ja sein…dass man gerettet wurde..irgendwann..

    Alles Gute, Nea! Schade um eine klasse Gor-RPlerin, die trotz (oder wegen??) ihrer Distanz zu Gor/ DS etc eine klasse Bereicherung war/ist

    Dark/Kaya

  3. Kim sagt:

    Hallo Nea,

    das ist eine sehr schlechte Nachricht, da ich die bisher zwar wenigen, aber nichtsdestotz interessanten und/oder lustigen Begegnungen zwischen uns sehr ansprechend fand. Ich hatte das Gefühl, das Du sehr gut zu uns passt, weil Du eine schöne Spielweise hast.

    Ich hoffe wirklich, das Du irgendwann (wenn auch nicht als kajira nea) zurück kehrst, da Dein Weggang wirklich ein Verlust ist in meinen Augen.

    Alles Gute wünsche ich Dir und danke.

    Kim

  4. neanarstrom sagt:

    /me seufzt leise, haucht dann etwas wehmütig „Heute hab ich ganz schrecklichen Gor-Entzug. Am liebsten würd ich von den Toten auferstehen, aber ich hasse Inkonsequenz“.

  5. Gar sagt:

    Hallo Nea,

    ich will Deine Analyse gar nicht kommentieren, obwohl oder weil ich sie zu einem grossen Teil auch so unterschreiben würde. Nur so viel:

    Mir hat das RP mit Dir immer viel Spass gemacht, Du hast es geschafft wirkliche Gor- Atmosphäre zu erzeugen.

    Viel Erfolg und Freude bei Deinen anderen Projekten und was Du sonst so vor hast.

    Gar

    • neanarstrom sagt:

      Hallo Gar,

      kann ich dir so auch zurückspiegeln: Wir haben gut zusammen gespielt und das hat Spaß gemacht.

      Ich rätsele gerade darüber, WAS genau für mich Gor-Atmosphäre ausmacht, gerade weil mich Gor ja dann doch zuweilen an Grenzen gebracht hat, bei denen es mir nicht mehr gut ging. Und leider oft sehr unverhofft.

      Wenn ich das auseinander dividiert bekomme, dann bin ich vielleicht einen Schritt weiter.

      Nea

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